Im vergangenen Jahr konnte Carmela Sánchez ihrer Tochter drei gelbe Hemdchen und zwei dunkelblaue Hosen kaufen – die verbindliche Uniform im Hort in der venezolanischen Hauptstadt Caracas, wo die Schullaufbahn ihrer Kleinen beginnt. Der Einkauf kostete die 39-Jährige viel; sie arbeitete hart, aber schaffte es schließlich und war stolz.

Das Hemd wird sie für das neue Schuljahr nicht ersetzen können, die Hose muss sie weiter machen. Carmen schwimmt gegen die Strömung an, die seit Monaten fast alle venezolanischen Familien erfasst: Die Wirtschaftskrise hat 80 Prozent der Grundnahrungsmittel sowie der Medizin aus den Märkten verschwinden lassen. Bereits im vergangenen Jahr stieg die Inflation auf mehr als 180 Prozent, für dieses Jahr gehen selbst konservative Schätzungen von nicht weniger als 700 Prozent aus. Diese Zahlen erschrecken in der Theorie – in der Praxis pulverisieren sie das Einkommen von Menschen wie Carmela. Von einst etwa 80 Dollar monatlich bleiben ihr heute noch 18.

Das erklärt auch die Ergebnisse einer vor Kurzem durchgeführten Umfrage zu den Lebensbedingungen in Venezuela. In der Erhebung der drei größten Universitäten des Landes gaben 87 Prozent der Venezolaner an, mit weniger Geld für Essen als im Vorjahr zu kalkulieren. Ihrem Einkommen nach gelten 76 Prozent der Venezolaner als arm. So oft die Regierung auch den Mindestlohn erhöht, es gleicht nicht annähernd die galoppierende Inflation aus.

"Dieses Jahr war einfach zu hart, nichts war einfach, nichts normal", sagt Carmela über ihren Alltag in der bolivarischen Revolution. Das bezieht sich nicht nur auf das fehlende Geld: Im Venezuela der vergangenen sechs Monate beschränkten sich die Probleme nicht nur darauf, dass der offizielle Mindestlohn bei 37,50 Dollar pro Monat liegen sollte – während es auf dem Schwarzmarkt gerade einmal 15 Dollar sind; sie erfassen im Alltag buchstäblich jeden Lebensbereich.

Jeder Tag eine Herausforderung

De facto beginnt es schon mit dem Aufstehen, sagt Carmela. Sie wohnt mit ihrer Familie in dem Viertel Petare in der Hauptstadt Caracas. Nur an drei Tagen pro Woche haben sie, ihr Mann und die vier Kinder jeweils für ein paar Stunden fließend Wasser. In ihrem kleinen Haus stehen deshalb Flaschen in allen Formen und Größen im Bad und in der Küche. Sobald das Wasser läuft, füllen sie alle verfügbaren Plastikflaschen, um sie dann zu leeren, wenn die Leitung trocken bleibt.

Der chronische Mangel an Mehl, das die Venzolaner für die Grundnahrungsmittel Brot und Arepas brauchen, bereitet Carmela schon beim Frühstück Kopfzerbrechen. Vor zwei Wochen hat sie die letzte Tüte Milchpulver für das Fläschchen der dreijährigen Tochter aufgebraucht, erzählt sie. Jetzt mache sie das Fläschchen mit zwei Löffeln Kondensmilch und Kakaopulver. Zum Abendessen gebe es manchmal Hackfleisch oder einen Hähnchenschenkel. Die Kartoffeln hebt sie auf, stattdessen kommen die günstigeren Knollen Ñame und Yuca auf den Teller. Dazu gebe es vielleicht mal eine gekochte Banane. "Steak essen wir schon lange nicht mehr", sagt Carmela.

Carmela tauscht oft mit ihrer Schwester, um wenigstens ein bisschen auf den Tisch zu bekommen. "Sie gibt mir eine Packung Mehl und ich ihr Waschpulver." Anders wäre der Alltag nicht zu bewältigen.

Käse kostet so viel wie früher eine Monatsmiete

Es sei praktisch unmöglich, ein Kilo Reis oder Nudeln zu bekommen, weil die Preise von der Regierung so niedrig festgesetzt wurden, dass nur minimale Mengen produziert werden, und sie sofort wieder weg sind, wenn sie auf dem Verkaufstresen ausgelegt werden. Auch Kartoffeln gebe es heute fast kaum noch zu kaufen, sagt Carmela. Bis vor zwei Wochen habe das Kilo wenig mehr als 2,50 Dollar gekostet, jetzt liege der Preis bei fünf.

Die Geschichte wiederholt sich beim Rindfleisch, beim Hühnerfleisch und beim Käse, dessen Preis diese Woche auf den astronomischen Preis von 5.000 Bolivares pro Kilo hochschnellte. Auf dem Schwarzmarkt sind das fünf Dollar, nach offiziellen Kurs sogar 12,50 Dollar – so viel wie die Miete für eine große Wohnung vor fünf Jahren kostete. Auch der Preis für den Bus hat sich verdoppelt. Und zum ersten Mal müssen die Menschen in Venezuela für Brot anstehen. "Wenigstens darf man in Caracas bis zu zwei Stück pro Person kaufen", sagt Carmela.

Kein Strom kein Wasser keine Medizin

Auch für Dayimar Altuve, Mutter eines fast dreijährigen Kindes, ist der Alltag zum Spießrutenlauf geworden: "Monatelang bin ich an den Tagen, an denen ich laut meiner Ausweisnummer mit Einkaufen dran war, um vier Uhr aufgestanden, um um fünf Uhr am Markt zu sein und die wichtigsten Dinge zu bekommen", sagte die 39-Jährige aus dem Zentrum von Caracas. "Heute benutze ich das Mehl, den Zucker, das Waschmittel und den Reis, das ich damals erstanden habe, weil die Schlangen heute noch viel länger sind." 

Früher habe es mal 45 Minuten dauern können, um eines der Lebensmittel zum regulierten Preis zu kaufen, heute wartet Dayimar mindestens zwei Stunden und die Menschen seien sehr aufgebracht. "Abgesehen von der Zeit, die man verliert, ist das sehr erschöpfend und frustrierend." Schon öfter musste sie nach Stunden des Anstehens feststellen, dass die gewünschten Produkte bereits ausverkauft waren.

Schulen und Verwaltung öffnen tageweise

"Kopfschmerzen bereit mir im Moment vor allem in welcher Dynamik uns das Wasser gekürzt wird, das wir nur noch an drei der sieben Wochentage haben", sagt Dayimar. Wäscheberge türmten sich auf und die Hausreinigung koste viel Zeit und Geld. "Wir bekommen eine kleine Wasserration zu der Zeit, wenn wir das Haus verlassen, um zur Arbeit zu gehen, damit wir uns notdürftig waschen können", sagt sie. Dabei könne sie versuchen, noch etwas Abwasch zu machen.

Zusätzlich zum Mangel und zur Teuerung sehen sich die Venezolaner mit einem strikten Zeitplan konfrontiert, der ihnen auferlegt wurde: Ganze drei Stunden Elektrizität stehen ihnen pro Tag zu. Ausgenommen von der Regelung ist lediglich die Hauptstadt Caracas. Die Einkaufscenter öffnen außerhalb der Hauptstadt nur noch zwischen 12 Uhr und 18 Uhr. Vorbei ist es mit Kino am Abend und gesicherten Banken am Morgen.

Um weitere Megawattstunden einzusparen, legte die venezolanische Regierung zudem fest, die öffentliche Verwaltung nur noch an zwei Tagen pro Woche arbeiten zu lassen – am Montag und Dienstag jeweils bis Mittag. Außerdem werden die Kinder nur noch montags und donnerstags unterrichtet. Was man sich dabei an Elektrizität spart, verliert man bei der Bildung.

Twitter und Facebook helfen beim Kauf von Medikamenten

Was den Venezolanern noch bleibt, um den Alltag zu bewältigen, ist Solidarität und gegenseitige Hilfe. Vor allem, wenn es um die Medizin geht: In den Sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter ist jede zweite Nachricht eine Bitte. Darin fragen Bekannte, Verwandte und völlig Unbekannte nach allem, von Antibiotika für die Kinder bis zu Spezialkathetern für die Dialyse, über Schutzmasken und Medizin für die Chemotherapie.

Carmela hat kein Internet, weswegen sie über neun Tage nach Cefadroxil suchte. Sie benötigt das Mittel für eines ihrer Kinder, das sich eine Infektion am Fuß zugezogen hat. Dayimar konnte derweil über Twitter einen Inhalator für ihre Bronchitis kaufen. Die beiden hatten Glück. Zuletzt häuften sich die Nachrichten, dass sich in Venezuela Krankheiten ausbreiten, weil es an Behandlungsmöglichkeiten fehlt. Und das, obwohl der venezolanische Pharmaverband seit Monaten vor dem Mangel an Medikamenten warnt.

Übersetzung: Michael Stürzenhofecker