Erinnert sich jemand an Volker Kauders Bemerkung, in Europa werde von nun an deutsch gesprochen? Der Unionsfraktionschef äußerte sich so auf einem CDU-Parteitag im Jahr 2011 und wollte mit seinen Worten zum Ausdruck bringen, dass die Mitgliedsstaaten der Währungsunion unter dem Druck der Bundesregierung endlich begriffen hätten, dass Haushaltsdisziplin der Schlüssel zu Wachstum und Wohlstand sei. Es war die Zeit, in der Deutschland den Kontinent mit immer neuen Budgetregeln überzog und Deutschland in der angelsächsischen Welt als neue Hegemonialmacht gehandelt wurde, die dem Rest Europas ihren Willen aufzwingt.

Selten hat sich der Wind der Geschichte so schnell gedreht. Gestern verzichtete die Europäische Kommission darauf, ein Strafverfahren gegen Spanien und Portugal einzuleiten – obwohl die Haushaltsdefizite in den beiden Ländern seit Jahren zu hoch sind und die Regeln eigentlich vorsehen, dass in solchen Fällen Bußgelder verhängt werden. Und auch Italien darf weiter Schulden machen, obwohl es den Vorschriften zufolge eigentlich seine Defizite zurückfahren müsste. Entsprechend groß ist der Ärger im Bundesfinanzministerium, auch wenn man sich bislang nicht öffentlich äußern will.

Es ist nicht die einzige Niederlage für die Deutschen: Die Europäische Zentralbank pumpt trotz Berliner Bedenken weiter billiges Geld in den Markt. Der Internationale Währungsfonds macht weitreichende Schuldenerleichterungen für Griechenland zur Bedingung für die Fortsetzung seines Engagements, obwohl Wolfgang Schäuble genau das ausgeschlossen hat. Und in der Flüchtlingspolitik kann die deutsche Kanzlerin inzwischen ihre Verbündeten an einer Hand abzählen.

Die Bundesregierung ist in Brüssel isoliert – und verliert zunehmend ihren Einfluss auf die europäische Politik. Deutschland sei, was Europa angehe, "sehr, sehr müde", fasst John Micklethwait, der ehemalige Chefredakteur des britischen Economist, die Ergebnisse eines einwöchigen Aufenthalts in Berlin zusammen. Seine Beschreibung trifft die Realität ganz gut.

Nun muss das für Europa inhaltlich betrachtet noch keine schlechte Nachricht sein. Die Vorstellung, die Krise lasse sich durch immer neue Sparprogramme überwinden, war von Anfang an problematisch. Insofern ist es kein Grund zur Trauer, wenn das Zeitalter der Austerität ganz offenbar erst einmal vorbei ist. Und die Europäische Zentralbank ist keine Filiale der Bundesbank. Sie muss ihre Politik an gesamteuropäischen Erfordernissen ausrichten.

Die Gefahren kommen aus einer anderen Ecke. So könnte der Frust so groß werden, dass sich Deutschland mehr und mehr aus Europa zurückzieht. Das bedeutet nicht, dass die Regierung morgen die D-Mark wieder einführen wird. Das wird nicht passieren. Aber wenn hohe Regierungsvertreter in Hintergrundgesprächen offen daran zweifeln, dass es sich angesichts der wachsenden Meinungsverschiedenheit überhaupt noch lohnt, sich für die europäische Sache einzusetzen, dann ist das eindeutig ein Alarmzeichen. Ein Verband, auf den der größte und wirtschaftlich mächtigste Mitgliedsstaat keine rechte Lust mehr hat, wäre eine traurige Veranstaltung und langfristig nicht überlebensfähig.

Wenn jeder nur an sich denkt, ist der Euro bald Geschichte

Und schließlich steht zu befürchten, dass die Europäer nach dem Triumph über das deutsche Spardiktat nun auf den Geschmack kommen und sich überhaupt nicht mehr an Regeln halten. So fragwürdig die in deutschen Ministerien erdachten Fiskalvorschriften ökonomisch betrachtet auch sein mögen, weil sie den betroffenen Staaten in einer wirtschaftlichen Schwächephase zusätzliche Sparmaßnahmen abverlangen, die die Krise noch verschlimmern: Eine Währungsunion mit weitgehend souveränen Mitgliedsstaaten kann ohne ein Mindestmaß an Regelbindung nicht funktionieren. Wenn jeder nur noch an sich selbst denkt, ist der Euro bald Geschichte.

Was folgt daraus? Europa braucht ein Regelwerk, dass dem Kontinent mit seinen unterschiedlichen Kulturen und Traditionen gerecht wird. Nicht alles, was in Deutschland funktioniert, funktioniert auch in Italien oder in Spanien. Und es gibt politische Strategien, die nur im nationalen Kontext aufgehen können. Wenn ein Land seine Löhne kürzt, um billiger produzieren zu können, dann kann es damit seinen Handelspartnern Marktanteile abjagen. Wenn aber alle Länder ihre Löhne kürzen, dann gewinnt am Ende niemand.

Statt auf die Durchsetzung der bestehenden Regeln zu beharren oder aber die Vorschriften grundsätzlich zu ignorieren, ginge es also darum, diese zu europäisieren. Ob das gelingt? Schwer zu sagen. Aber es ist Europas einzige Chance.