Um Punkt 14.42 Uhr beginnen die Glocken in dem Örtchen Karyes festlich zu läuten, der Hauptstadt der autonomen Mönchsrepublik Athos im Norden von Griechenland. Die Ruhe ist zerschnitten. Eine Kolonne von acht gepanzerten Limousinen fährt vor. Darunter: zwei schwarze Mercedes vom gleichen Typ, aus dem hinteren steigt Wladimir Putin aus, der russische Präsident.

Putin ist so eng umringt von Sicherheitsleuten, dass er kaum vorwärts kommt. Griechische und internationale Fotografen versperren ihm zusätzlich den Weg. Ein Mönch streckt ihm das in Gold beschlagene Heilige Evangelium entgegen, das Putin zur Ehrerbietung küsst. Nur wenige Momente vergehen, dann ist er zusammen mit einer Traube Geistlicher in der Hauptkirche Protaton verschwunden.

Fast elf Jahre ist es her, dass Präsident Putin zum letzten Mal zu einer Pilgerfahrt an den Berg Athos gekommen ist – oder in das "Jerusalem der russischen Orthodoxie", wie die Halbinsel der Mönche auch genannt wird. Der Besuch hier wird in Griechenland noch höher gewertet als die politischen Treffen zuvor in Athen unter anderem mit Ministerpräsident Alexis Tsipras. Auch wenn dort eine Reihe von Abkommen zur engeren wirtschaftlichen Zusammenarbeit unterschrieben wurde, so hatte auch Putin selbst seiner Pilgerfahrt hohe Bedeutung zugemessen.

In die russisch-griechische Eintracht mischte sich auch Verstimmung

Denn die orthodoxe Kirche feiert dieses Jahr die tausendjährige Präsenz russischer Mönche auf Athos. "Die Tugendhaftigkeit, der Glaube und Patriotismus haben unseren beiden Völkern durch die verschiedensten geschichtlichen Epochen hindurch geholfen, schwere Prüfungen zu überwinden und ihre Identität zu bewahren", schrieb Putin vor seinem Besuch in einem Gastbeitrag für die griechische Zeitung Kathimerini. So ist auf Athos neben dem griechischen Klerus auch Staatspräsident Prokopis Pavlopoulos zugegen, mit einem Militärhubschrauber aus Athen angereist. In die russisch-griechische Eintracht mischte sich allerdings zuvor einige Verstimmung nicht nur in protokollarischen Fragen: Wo sollten die beiden Staatspräsidenten während der Heiligen Messe in der Kirche sitzen? Am Ende wurde der Gast Putin auf dem Bischofsthron platziert. Doch der weitaus größere Konflikt spielte sich im Hintergrund ab.

Während der Messe sind die politischen und religiösen Führer unter sich geblieben, die Diskussionen um das Fest zur Tausendjährigen Präsenz aber sind inzwischen trotzdem an die Öffentlichkeit gelangt. Das eindringlichste Zeichen für den kirchlichen Disput kann darin gesehen werden, dass zum Besuch Putins und des russischen Patriarchen Kyrill ein wichtiger Teilnehmer fehlte: Bartholomäus, der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, dem auch die Mönchsrepublik Athos untersteht. Zur Planung der Feierlichkeiten war eigentlich ein bilaterale Steuerungsgruppe von russischer Seite und aus Athos zusammengesetzt worden, doch die Gespräche führten offenbar in die Sackgasse. Deshalb wurde Putins Besuch nun nur als "inoffiziellen Pilgerfahrt" betitelt, größere offizielle Feierlichkeiten wird es allem Anschein nach nicht mehr geben.