ZEIT ONLINE: Herr Scholz, in einem Ihrer Essays warnen Sie davor, dass unsere Arbeitsgesellschaft allmählich "uber-isiert" – mit schlimmen Folgen. Was meinen Sie damit?

Trebor Scholz: Mit dem Internet wurde der Mythos von Freiheit und Flexibilität digitaler Arbeit erschaffen. Der Fahrdienst Uber steht für diese Entwicklung wie kaum ein anderes Unternehmen: Die Fahrer sind keine Angestellten, zwischen 19 und 30 Prozent von ihnen machen die Arbeit Vollzeit. Viele übersehen dabei, dass dadurch wichtige Rechte und Regeln, die wir uns über Jahrzehnte erkämpft haben, verloren gehen: Sozialversicherung, Schutz vor Diskriminierung und sexueller Belästigung, das Recht auf feste Arbeitszeiten, Krankenversicherung.

ZEIT ONLINE: Schaffen also die Plattformen der sogenannten Sharing Economy wie Uber Arbeitnehmerrechte ab?

Scholz: Nicht nur sie, es geht um die ganze digitale Arbeitswelt. Uber ist nur ein Muster, nach dem mittlerweile viele Firmen handeln. Eine der gravierendsten Folgen davon: Sie haben die Gewerkschaften verdrängt. Zwar steht das Internet für Vernetzung, in der Folge befördert es aber auch Anonymität und Unverbindlichkeit. Viele Menschen jobben in dieser Industrie nur noch für sich, kennen sich gegenseitig nicht mehr, arbeiten oft nur einige Stunden für ganz unterschiedliche Firmen, können sich gegenseitig nicht kontaktieren.

ZEIT ONLINE: Was ist die Folge?

Scholz: Das bringt ganz neue Herausforderungen für das Arbeitsrecht. Der CEO des Mikro-Jobbing-Dienstes Crowdflower hat es mal so formuliert: Es war noch nie so einfach, einen Menschen für eine Arbeit von zehn Minuten einzustellen und dann wieder zu feuern. Das Internet hat diese Form der Unverbindlichkeit erst ermöglicht. Jeder kämpft quasi nur für sich und scheitert daran.

ZEIT ONLINE: Manche sprechen bereits von einem "death of employment". Sterben Anstellungen wirklich aus?

Scholz: In den USA kann man diese Tendenz beobachten. Bereits mehr als ein Drittel der Arbeitnehmer ist freiberuflich tätig. Crowdworking-, On-Demand- oder Sharing-Plattformen haben die Entwicklung sicherlich gefördert, eben weil sie den Arbeitsplatz fragmentieren. Es gibt sogar Leute, die sprechen vom Aussterben von Berufen an sich. Denn die Menschen verfolgen nicht mehr nur eine Karriere, sondern bringen ihre Kompetenzen punktuell in unterschiedlichen Kontexten ein. 

ZEIT ONLINE: Aber bekommt der Einzelne dadurch nicht viel mehr Freiheit?

Scholz: Leider sind Flexibilität, Autonomie und die Idee des Micro-Entrepreneurs ein Mythos, mit dem Plattformen wie Uber oder der Mikro-Jobbing-Dienst Amazon Mechanical Turk werben. In Wahrheit kleben die Arbeiter die ganze Zeit vor dem Computer-Bildschirm oder am Smartphone, um einen der etwas besser bezahlten Jobs zu ergattern. Als untrainierte Arbeiter auf der Plattform Amazon Mechanical Turk verdienen sie dann zwei bis drei Dollar die Stunde. Bei allen diesen Plattformen kommen sie im Jahr durchschnittlich auf etwa 7.900 Dollar.

ZEIT ONLINE: Warum machen die Menschen dann trotzdem mit?

Scholz: Sie nehmen die Rhetorik der Non-Market-Philosophie und verdrehen sie. Was mein ist, ist dein. Mit solchen Mantras wird die vermeintliche Sharing Economy verkauft. Dabei hat die gar nichts mit Sharing zu tun. Eigentlich ist es eher eine Rental Economy. Die Sprache der Sharing Economy soll eine gewisse Intimität vermitteln, als würde man mit jemandem, den man mag, etwas teilen. Dabei geht es um simple Markttransaktionen.

ZEIT ONLINE: Im Fall Uber wehren sich Fahrer weltweit aber inzwischen gegen diese Praktiken. Zeigt das nicht eine gewisse Verhandlungsmacht?

Scholz: Das Problem ist, dass es sehr schwer ist, von Uber zu leben, was dazu führt, dass niemand den Job lange macht. Die Fluktuation liegt in einem Jahr bei 50 Prozent – da kann sich keine kritische Masse bilden. Und wenn sich dann doch eine größere Gruppe zusammenfindet, zahlt Uber den Betroffenen lieber 100 Millionen Dollar Entschädigung, als deren Status zu ändern. So geschah das in zwei Bundesstaaten in den USA. Das ist auch logisch, weil das Unternehmen sonst zusammenbrechen würde. Ubers Geschäftsmodell basiert ja auf der günstigen Arbeitskraft.

ZEIT ONLINE: Aber die Plattformen bedienen doch auch ein Bedürfnis der Massen nach Bequemlichkeit und Vernetzung. Kann man ein Unternehmen verbieten, weil es zu erfolgreich ist?

Scholz: Ja, nämlich dann, wenn es illegal handelt. Und das ist häufig der Fall. Uber verstößt gegen alle möglichen Gesetze, wie die der Personenbeförderung und der Preisbildung. Dadurch hat das Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil gegenüber jenen, die sich an Gesetze halten – die es ja auch aus gutem Grund gibt. Das wird von der Politik insbesondere in den USA toleriert.