Großbritannien hätte sich womöglich nie für einen Brexit entschieden, wenn nicht zuvor die Eurozone so spektakulär gescheitert wäre. Die Zukunft der EU hängt in dieser nun beginnenden Umbruchphase entscheidend davon ab, ob die wirtschaftlichen und politischen Fehler der Vergangenheit rückgängig gemacht werden.

Ein Ziel der Euro-Einführung war, den Volkswirtschaften in der EU dabei zu helfen, enger zusammenzuwachsen. Indem man die Gefahr einer Abwertung der eigenen Währung und die Kosten des grenzüberschreitenden Handels verringert, sollten Investitionen innerhalb der Eurozone stimuliert werden und sich Einkommen, Beschäftigung und Staatsfinanzen angleichen. Unglücklicherweise passierte genau das Gegenteil.

Selbst die Europäische Zentralbank hat im Juli 2015 eingeräumt: Der Euro hat die Volkswirtschaften der Eurozone weiter auseinandergetrieben. Ein Bericht des Internationalen Währungsfonds aus dem Jahr 2013 belegt außerdem, dass Kapitalzuflüsse von Kreditgebern wie Deutschland an Nichtmitglieder der Eurozone wie Polen oder Ungarn tatsächlich zu produktiven Direktinvestitionen wurden. Dagegen waren die Kapitalzuflüsse in Mitgliedstaaten der Eurozone meist Bankkredite, die die Bildung spekulativer Blasen begünstigt haben.

Der Haupteffekt des Euros war also letztlich, Kreditgebern das Risiko und den Schmerz einer Währungsabwertung zu nehmen und den schwächeren Europäern das Risiko und den Schmerz von fallenden Einkommen aufzubürden.

Die europäische Politik schaut nur auf die Regeln, nicht auf die Folgen

Aber der womöglich schlimmste politische Fehler war die Frage, die sich die politische Führung in der Krise gestellt hat. Wenn die USA in eine tiefe Krise rutschen – wie 1971 oder 2008 –, dann versammeln sich die Entscheidungsträger in Washington um einen runden Tisch und suchen nach Antworten auf eine ganz simple Frage: Wie können wir verhindern, dass diese Krise uns aufzehrt?

Als jedoch die Währungsunion von der Eurokrise getroffen wurde, haben sich die Entscheidungsträger eine vollkommen andere Frage gestellt: Wie können wir so tun, als ob die Regeln der Eurozone weiterhin eingehalten werden, obwohl sie nicht durchzusetzen sind? Die Antwort auf diese Frage ist niemals eine gute Antwort auf die erste Frage, die sich die US-Verantwortlichen stellen. Tatsächlich führt die europäische Fragestellung zu Maßnahmen, die die Krise noch vertiefen.

Ein Beispiel: Lange hat die europäische Politik verbissen versucht, den Anschein zu wahren, die griechischen Schulden müssten erst dann restrukturiert werden, wenn sich das Land ausreichend erholt hat und sie auch zurückzahlen kann. Ähnlich verhält es sich mit dem Traum, dass man italienische Banken rekapitalisieren und von faulen Krediten säubern kann, solange man sich an die Regeln der Bankenunion hält. Nur existiert die bislang nur auf dem Papier. Beide Beispiele zeigen, wie sich Europa immer wieder herausredet: Die europäischen Regeln müssen auch in der Schulden- und Bankenkrise Punkt für Punkt eingehalten werden. Das Ergebnis ist nicht nur mit unnötigem Leid für Griechen und Italiener verbunden, sondern hat auch direkt negative Folgen für die Deutschen: Deren Ersparnisse und Renten werden von negativen Zinsen aufgezehrt.

Die Hoffnung auf Stabilität, Annäherung und gemeinsamen Wohlstand wird so ersetzt durch eine Realität voller Instabilität, Divergenz und einen Niedergang der europäischen Idee. Es ist deshalb kein großes Wunder, dass viele Griechen, Italiener, aber auch Deutsche – ob links oder rechts im politischen Spektrum – die gemeinsame Währung ablehnen und damit auch die EU, die diese hervorgebracht hat.