In einer Frage scheinen sich alle einig: Wenn es gelingt, den Geflüchteten in Deutschland möglichst schnell zu Arbeit zu verhelfen, ist viel gewonnen. Dass das offensichtlich aber ein sehr schwieriger Prozess ist, belegen aktuelle Zahlen: Die Anzahl der Asylbewerber, die einer Arbeit nachgehen können, ist klein und die Anzahl der Firmen, die Flüchtlinge eingestellt haben, ist es ebenfalls. Wer tut sich hier eigentlich schwer mit wem?

Hätte Sonja Ziegltrum-Teubner gewusst, worauf sie sich einlässt, hätte sie vermutlich keinen Geflüchteten beschäftigt, sagt sie selbst. Die Chefin des Blumengroßhandels Bayerische Blumenzentrale hat im Januar einen Mann aus Nigeria angestellt. Aber seitdem ist ihr Ärger groß. Nicht etwa, weil ihr neuer Mitarbeiter nicht mit den Anforderungen an ihn klarkommen würde. Und das, obwohl er im Vergleich mit den anderen Mitarbeitern nicht so gut ausgebildet ist. So wie angeblich viele andere Neuankömmlinge auch, so legen zumindest jüngste Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) nahe: Demnach waren knapp 300.000 Geflüchtete im Juni als arbeitssuchend gemeldet, obwohl es zeitgleich rund 665.000 offene Stellen in Deutschland gibt.

Als Gründe dafür bieten sich folgende Zahlen an: Drei Viertel der Geflüchtete haben laut BA keine abgeschlossene Berufsausbildung. Rund 37 Prozent nicht mal einen Schulabschluss. Daher eignen sich 58 Prozent von ihnen nur für Hilfstätigkeiten, lautet das Fazit. Der Großteil der Menschen, von denen sich Ökonomen noch im Herbst erhofften, sie würden den Facharbeitermangel in Deutschland beheben, scheint also zu wenig qualifiziert.

Nicht nur Facharbeiter werden benötigt

Aber stimmt das? Man darf daran zweifeln, schließlich gibt ausgerechnet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zu, man wisse in Wahrheit wenig über die Qualifikation der Ankommenden. Systematisch abgefragt werden solche Daten nicht. Viele Geflüchtete können ihre Ausbildung wegen fehlender Dokumente gar nicht nachweisen. Und es vergehen manchmal Jahre, bis ihre Berufsabschlüsse hierzulande anerkannt werden. Außerdem sagen andere Statistiken des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), dass auch Hilfsarbeiter dringend gesucht werden, 110.000 offene Stellen gäbe es für sie insgesamt. Allein 35.000 im Verkehr und der Logistik, 20.000 in der Fertigung und 14.000 im Bereich Lebensmittel und Gastronomie.

Doch vor allem die deutsche Industrie tut sich offenbar schwer, Flüchtlinge einzustellen: Gerade erst haben die DAX-Konzerne angegeben, dass die 30 größten deutschen Unternehmen aktuell nur rund 80 Flüchtlinge beschäftigen. Alle Konzerne zusammen wohlgemerkt. Da von diesen 80 Beschäftigten allein rund 50 bei der Telekom arbeiten, verbliebe für die übrigen 29 Konzerne lediglich jeweils ein einziger Flüchtling pro Betrieb.

Für die milliardenschweren internationalen Vorzeigebetriebe wirken diese Zahlen tatsächlich erbärmlich. Zumal es viele kleine deutsche Unternehmen immerhin geschafft haben, 30.000 Asylbewerbern innerhalb des vergangenen Jahres eine Stelle zu beschaffen. Rund neun Prozent aller Betriebe beschäftigen bereits Geflüchtete, etwa zehn Prozent planen, in nächster Zeit welche einzustellen. Unter denjenigen, die bereits Erfahrungen mit Flüchtlingen gesammelt haben, ist die Bereitschaft zur Einstellung weiterer Flüchtlinge sogar dreimal so hoch, 37 Prozent planen weitere Einstellungen. "Die Stimmung ist gut und die Bereitschaft der Betriebe, Geflüchtete zu integrieren, ist hoch", so sagt es Hubert Schöffmann, bildungspolitischer Sprecher der bayerischen Industrie- und Handelskammern. Grundsätzlich jedenfalls.