Ein Reisebus in den Nationalfarben Grün, Weiß und Rot, der halb über dem Abgrund hängt: Das ist Italien, wie es der britische Economist auf seinem jüngsten Titelblatt sieht. Dabei hatte es gut zwei Jahre lang vor allem optimistische Nachrichten aus dem Land gegeben. Mit dem jungen Premier Matteo Renzi schien endlich wieder Bewegung in die politische Landschaft gekommen zu sein. Auch die Wirtschaftskennziffern machten wieder Hoffnung.

Doch im Moment herrscht Alarmstimmung. Rutscht das Land in eine Bankenkrise? Könnte von Italien ein Schock ausgehen, der die gesamte Eurozone in ihren Grundfesten gefährdet? Das sind die Fragen, die Anleger, Finanzmarktanalysten und Politiker derzeit umtreiben. Am vergangenen Freitag trafen sich Italiens Banker, der Schatzminister, der Präsident der Banca d’Italia zur Jahrestagung des Italienischen Bankenverbandes. Sie alle verströmten Zuversicht. Krise? Nicht doch, höchstens ein paar locker zu lösende Probleme – so lauteten ihre offiziellen Aussagen.

Die Anleger an der Börse aber sehen das anders. In den vergangenen zwölf Monaten gab der Bankenindex FTSE um ein Drittel nach. Weit dramatischer ist der Absturz des Monte dei Paschi di Siena (MPS). Die Aktie der Bank, immerhin die drittgrößte Italiens, fiel seit August 2015 von zwei Euro auf 28 Cent am vergangenen Freitag.

Das 1472 gegründete Institut aus Siena rühmt sich, die älteste Bank Europas zu sein. Doch Schlagzeilen macht es momentan weniger wegen seiner ruhmreichen Geschichte als wegen der trostlosen Gegenwart. Die Bank hält notleidende Kredite in der monströsen Summe von 47 Milliarden Euro in ihren Büchern. Auf diesen Wert hat sie schon 23 Milliarden abgeschrieben – doch niemand weiß, ob die übrigen 24 Milliarden wirklich einbringlich sind.

Was tun mit den faulen Krediten?

Als dann letzte Woche die EZB das Institut aufforderte, den Berg notleidender Kredite binnen drei Jahren um zehn Milliarden Euro abzubauen, wurden die Sorgen an der Börse zur Panik: Binnen einer Woche stürzte der Kurs der Aktie um mehr als 30 Prozent ab. Immer wieder musste das Papier vom Handel ausgesetzt werden; mittlerweile liegt seine Börsenkapitalisierung bei nur noch 770 Millionen Euro.

Seitdem jagt in Rom eine Krisensitzung die andere. Selbst wenn MPS das einzige Geldhaus in ernsten Schwierigkeiten wäre, wäre das Problem schon groß genug – doch die Traditionsbank stellt nur einen winzigen Teil der Krise dar. Italiens Bankensystem kämpft mit notleidenden Krediten in Höhe von insgesamt 360 Milliarden Euro. 200 Milliarden von ihnen gelten mittlerweile praktisch als verloren, weil die Schuldner wegen Insolvenz die Zahlungen eingestellt haben.

Anders als anderswo in Europa aber verdankte sich die Schieflage weder dem frenetischen Handel mit toxischen Derivate-Papieren noch (wie in Irland zum Beispiel) einer Immobilienblase. Italiens Banken taten das, was sie angeblich vor allem tun sollen: die Realwirtschaft mit Krediten für Investoren und Konsumenten finanzieren. Deshalb galt nach dem Ausbruch der globalen Finanzmarktkrise lange die beruhigende Vermutung, Italien sei gar nicht recht betroffen.

Bankenkrise? Sie fand in Deutschland oder Großbritannien statt, in Irland oder Griechenland, gewiss aber nicht in Italien! 2009 lag die Summe der uneinbringlichen Kredite noch bei vergleichsweise wenigen 60 Milliarden Euro. Doch dann begann 2011 die Euro-Krise, wurden die Sparauflagen immer strikter, stürzte das Land in die Rezession. Mit ihr stieg die Zahl der Firmenpleiten zu, sanken die Privateinkommen – und die nicht bedienten Schulden bei den Banken stiegen in schwindelerregende Höhen.