ZEIT ONLINE: Herr Rockström, warum sind Sie eigentlich so optimistisch? 

Johan Rockström: Wie meinen Sie das?

ZEIT ONLINE: Sie haben in Ihrem Modell der planetarischen Grenzen gezeigt, dass die Menschheit die Ressourcen der Erde gewaltig überstrapaziert – und damit ihre eigene Existenz in Gefahr bringt. Wo immer Sie auf einem Podium sitzen, rufen Sie zu mehr Anstrengung im Umwelt- und Klimaschutz auf. Und nun schreiben Sie in Ihrem neuen Buch, eine Zukunft in Fülle sei für alle möglich. Wie passt das zusammen?

Rockström: Ich sehe da gar keinen Widerspruch. Es stimmt, die Menschheit hatte nie so viel Grund, nervös zu sein. Wir stecken mitten in einer globalen Nachhaltigkeitskrise, die nicht nur das Klima betrifft. Die Wissenschaft zeigt es immer deutlicher: Die Welt nähert sich Kipp-Punkten, und wenn wir sie überschreiten, könnte das unumkehrbare und gefährliche Veränderungen nach sich ziehen.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Rockström: Der Anstieg des Meeresspiegels, Dürren, Fluten, Nahrungsmangel.

ZEIT ONLINE: Ziemlich düstere Aussichten.

Rockström: Ja, aber die Menschheit nimmt die Herausforderung endlich an – und führende Politiker und Geschäftsleute sind mit an Bord. Heute haben 70 Prozent der US-Bürger erkannt, welches Risiko der Klimawandel darstellt. Mehr als die Hälfte weiß, dass die Menschheit der Hauptverursacher ist. In Europa sind die Quoten noch höher.

Und die Unternehmen sind weg von Alibiberichten zur Corporate Social Responsibility. Sie stellen Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt ihres Handelns.

ZEIT ONLINE: Woran machen Sie das fest?

Rockström: Egal, ob in der Auto-, der Textil- oder der Lebensmittelbranche: Die Firmen haben erkannt, dass sie großen Risiken gegenüberstehen. Dass ihre Ressourcen immer knapper werden, sie also effizienter arbeiten müssen. Und, das ist für mich der aufregendste Punkt: Die jungen Konsumenten, die Millennials möchten nachhaltig konsumieren. Sie gehen vielleicht nicht auf die Straße, um für mehr Umweltschutz zu protestieren. Aber sie wollen ein umweltfreundliches Leben führen.

ZEIT ONLINE: Die jungen Konsumenten reisen mehr als frühere Generationen. Gerne mit dem Flugzeug. Die neueste Elektronik ist für sie ein Statussymbol. Und nur wenige achten auf Öko-Konsum – für die Mehrheit sind niedrige Preise viel wichtiger als die Umweltwirkungen ihres Konsums. Und selbst wenn Firmen heutzutage aus Sparsamkeit effizienter wirtschaften als früher, so werden ihre Produkte doch nicht unbedingt sauberer. Der Dieselskandal ist das beste Beispiel.

Rockström: Das mag sein. Aber Volkswagen lernt gerade durch den Dieselskandal, wie ernst die Gesellschaft die Manipulationen nimmt – und dass diese Autos sauber werden müssen, wenn das Unternehmen im Wettbewerb mithalten will.

ZEIT ONLINE: Lernen auf die harte Tour.

Rockström: So ist es. Anders hätte Volkswagen doch kein Interesse gehabt, sich um die Abgaswerte seiner Dieselautos zu kümmert.

ZEIT ONLINE: Aber nochmal: die Millennials, auf die Sie setzen, sind doch in Wahrheit gar nicht so umweltbewusst.

Rockström: Wir alle leben in Gesellschaften, die nicht für nachhaltigen Konsum konfiguriert sind. Selbst wenn wir wollten: Nachhaltiger Konsum ist einfach noch zu anstrengend. Daran müssen wir arbeiten – damit die Leute in 20 Jahren sagen: Oh, ich nutze keine fossilen Brennstoffe mehr. Warum habe ich nochmal damit aufgehört? Die Umwelt war mir egal. Aber es war einfach die billigste und bequemste Sache, die ich tun konnte.