Gesalzene Erdnüsse kennt jeder. Die aus der kleinen Dose von Ültje. Die gibt es schon ewig. Auf der Zutatenliste stehen Erdnüsse, Pflanzenöl und Salz geschrieben. Seit einiger Zeit bietet die Firma aber auch eine andere Sorte in der Dose an: "Ofen gebackene Erdnüsse, gesalzen". Wo ist der Unterschied? Ok, anders als die herkömmlichen Nüsse scheinen diese offenbar in einem Ofen gebacken worden zu sein. Vielleicht ganz ursprünglich in einem Feuerofen aus Stein? Sonst alles wie üblich? Die Zutatenliste der neuen, als gesalzen bezeichneten Ofen-Variante verrät, dass mehr drin ist als Nüsse, Salz und Fett: "Erdnusskerne, Palmöl, Maltodextrin, Salz, Geliermittel: Gummi arabicum, Zucker, Hefeextrakt." War das zu erwarten? Die "Ofen gebackenen Erdnüsse, gesalzen" sind jedenfalls auch ordentlich gezuckert und geschmacksverstärkt.

Es sind Fälle wie diese, die der Bundesverband der Verbraucherzentralen (Vzbv) auf dem Internetportal lebensmittelklarheit.de nun seit fünf Jahren vorstellt und die Hersteller zu Änderungen auffordert. Die Macher ziehen nun Bilanz. Der Vorstand des Vzbv Klaus Müller sagt: "Lebensmittelklarheit ist vor fünf Jahren mit reichlich Gegenwind aus der Wirtschaft gestartet. Umso mehr freut es uns, dass die Kritik der Verbraucher Gehör findet." Kunden, die sich von Produktaufmachungen getäuscht fühlen, wenden sich an die Plattform, um etwas zu erreichen: mehr Wahrheit und mehr Klarheit. Rund 9.000 Produkte haben die Nutzer seit dem Start der Plattform im Jahr 2011 gemeldet, das sind im Schnitt 13 pro Woche – eine Menge, bedenkt man, dass Discounter im Schnitt lediglich etwa 1.500 Food-Artikel führen. Supermärkte führen pro Filiale etwa 8.700 verschiedene Nahrungsmittel.

Aromen und falsche Früchte

Das Täuschungsempfinden der Kunden ist subjektiv. Deshalb stellt die Fachredaktion des vom Verbraucherzentrale Bundesverband betriebenen Projekts längst nicht jede Meldung online. Bei 788 Produkten aber entschieden sich die Ernährungsexperten gemeinsam mit Juristen für eine Veröffentlichung. Darunter Teesorten, die mit frischen Früchten werben, obwohl nur Aromen verarbeitet sind, Orangenschalen-Aroma, das aus Zitronenschalen besteht oder Joghurt, der als "Pur" deklariert ist und trotzdem Zucker enthält. Die Hersteller werden angeschrieben und ihre Stellungnahmen parallel mit der Einschätzung der Verbraucherschützer veröffentlicht. Die Projektleiterin von Lebensmittelklarheit, Stephanie Wetzel, sagt: "Uns geht es um einen Meinungsaustausch. Die Unternehmen bekommen bei uns die Chance, ihre Sicht ebenfalls darzustellen. Auch ihre Meinung wird so für die Verbraucher transparent."

Dem Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde reicht das nicht. Die Mitglieder des Spitzenverbands der Lebensmittelwirtschaft fühlen sich seit dem Start des vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft geförderten Projekts an den Pranger gestellt. Marcus Girnau, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer, sagt: "Es ist und bleibt auch nach fünf Jahren trotz einiger Verbesserungen falsch, mit staatlicher Finanzierung rechtlich korrekt gekennzeichnete Produkte aufgrund subjektiver Empfindungen einzelner Verbraucher vorzuführen." Die Hersteller verteidigen ihren Standpunkt, dass sie solange sie sich im Rahmen der Gesetze bewegen, auch nicht kritisiert werden dürften. Girnau sagt, dass es schwer nachvollziehbar sei, 2014 eine umfassende Reform der Lebensmittelinformation zu verabschieden und mit lebenmittelklarheit.de weiterhin ein Projekt zu fördern, das Lebensmittel kritisiert, die eben jenen Vorgaben entsprächen.

Ganz so einfach ist es jedoch nicht. Gesetze werden ausgelegt und Gesetze können verschärft werden, wenn sich herausstellt, dass Hersteller den Rechtsrahmen gegen das Interesse der Verbraucher zu stark ausdehnen oder bestehende Lücken ausnutzen. "Jedes Gesetz bietet einen gewissen Spielraum. Zur Not müssen Gerichte darüber entscheiden, wer Recht hat", sagt Stephanie Wetzel vom Verbraucherzentrale Bundesverband. 2015 entschied das Duisburger Landgericht beispielsweise gegen den Discounter Aldi Süd, dass er seine schwarz gefärbten Oliven auch als gefärbt bezeichnen muss. Aldi Süd hatte sein Produkt als "Spanische schwarze Oliven" bezeichnet und damit eine höhere Qualität länger gereifter Oliven erweckt.

Kein Pranger, sondern eine Chance für Hersteller

Lebensmittelklarheit.de sei alles andere als ein Portal für subjektive Denunziationen, sagt Stephanie Wetzel: "Was wir machen ist weit entfernt davon, 'Pranger' zu sein. Das Täuschungspotenzial einer Produktkennzeichnung oder -aufmachung, die Verbraucher uns melden, muss darstellbar sein." Tatsächlich wollen die Verbraucherschützer juristisch sauber arbeiten. Sie werfen den Herstellern nicht vor, zu täuschen. Sie erklären, dass sie aus fachlicher Sicht nachvollziehen können, dass sich Kunden getäuscht fühlen könnten.

Dass die subjektiven Meinungen einzelner Nutzer dabei durchaus einer Mehrheitsmeinung entsprechen, stellt der Verbraucherzentrale Bundesverband immer wieder in eigenen repräsentativen Umfragen fest. So könnte der Hersteller bezüglich seiner "Ofen gerösteten Erdnüsse, gesalzen" zwar auf die Zutatenliste verweisen. Forschungsergebnisse zeigen aber, dass Kunden besonders auf die Produktabbildungen und die aussagekräftigen Produktbezeichnungen auf der Vorderseite achten, die auf den ersten Blick den Inhalt einer Lebensmittelverpackung erkennen lassen. Die so genannte Zutatenerwartung wird also enttäuscht. Das bestätigen selbst Forschungen der Industrie. Eine Extremforderung könnte sein, auf der Vorderseite einer Teeverpackung, die ausschließlich künstliches Beeren-Aroma enthält, eine Laborpipette mit Aromaflüssigkeit abzubilden. Leicht vorstellbar, dass kaum einer mehr diesen Tee kaufen wollen würde. Ein Hinweis "aromatisiert" auf der Vorderseite könnte hingegen ein Kompromiss sein.