Eine kleine Testfrage vorab: Wie viele Bücher haben Sie im vergangenen Jahr gekauft? Ob gedruckt oder digital, ist an dieser Stelle einerlei. Da müssen Sie zählen gehen? Gut. Dann zählen Sie aber bitte gleich auch, wie viele davon Sie tatsächlich gelesen haben. Und wie sieht es mit neuer Musik aus? Bestimmt haben Sie da auch einiges runtergeladen oder sogar einen Streamingdienst abonniert. Aber wie oft haben Sie die Musik schon wirklich angehört?

Wenn Ihre Antwort jetzt lautet "nicht so oft", dann befinden Sie sich mit vielen anderen Käufern in bester Gesellschaft – aber auch in größter Gefahr, warnen Soziologen und Konsumforscher. Sie stellen nämlich fest, dass unser Kaufverhalten uns immer seltener glücklich macht, im schlimmsten Fall sogar immer unglücklicher.

Was die Forscher als Problem betrachten, ist unsere Angewohnheit, in immer schnellerer Folge immer mehr Geld auszugeben für Dinge, die wir zwar nutzen könnten – Bücher, Musik, Kleidung, Elektronik und andere Technik, Carsharingdienste, Mitgliedschaft im Fitnesststudio – die wir aber nur sehr selten wirklich nutzen oder verbrauchen. Vor allem bei den digitalen Angeboten ist das auffällig. Der Absatz an E-Books ist zuletzt um 15 Prozent gestiegen. Doch werden wirklich auch mehr Digitalbücher gelesen? Und wie viele Stücke aus den 16 Millionen Titeln des Streaminganbieters Spotify hat man als Abonnent schon wirklich gehört?

Glücklicher durch Erlebnisse als durch gekaufte Gegenstände

"Vieles davon kaufen wir, ohne es je zu konsumieren", sagt der Soziologe und Politikwissenschaftler Hartmut Rosa, Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt. Bei einer Veranstaltung in Weimar beschrieb er es kürzlich so: "Wir kaufen uns heute lediglich die Option, Dinge zu benutzen, also den Zugang zu vielen Dingen. Aber wir konsumieren immer weniger, weil wir leider keine Zeit mehr haben – Konsum ist ja zeitaufwendig. Außerdem gibt es immer etwas Interessanteres, was wir uns noch kaufen könnten, deshalb kommen wir gar nicht mehr dazu, das Erworbene zu benutzen."

Nicht nur aus Sicht von Soziologen ist diese Art von Kaufverhalten ziemlich widersinnig. Denn Glücks- und Konsumforscher haben ergründet, wann Kaufen und Konsum den Menschen glücklich machen – und wann nicht: Demnach tun wir uns eher etwas Gutes, wenn wir uns mit unserem Geld viele Erlebnisse bescheren und bleibende Erinnerungen schaffen, sagen Forscher der Cornell University. Wer sich Gegenstände kauft, der vergleicht stärker und bereut Käufe auch häufiger. Erlebnisse wie Restaurantbesuche, Kurzausflüge oder Kabarettvorstellungen dagegen lassen sich nicht mit anderen vergleichen.

Außerdem setzt recht schnell ein Gewöhnungseffekt ein, weswegen uns selbst größere Anschaffungen oder Abos von Streamingdiensten schon nach kurzer Zeit nicht mehr begeistern. Oder wir einfach noch mehr davon haben wollen. Dass wir vieles kaufen, aber erst nach einer Weile bezahlen, verschärft gar den Eindruck, Geld für etwas zu bezahlen, was uns inzwischen längst langweilt.

Es gehe aber auch nicht darum, einem Erlebnis nach dem anderen nachzujagen, präzisieren Psychologen. Sonst seien wir nicht mehr in der Lage, all das zu verarbeiten. Zudem gilt die These "Erlebnisse sind immer besser als Gegenstände" nicht uneingeschränkt, wie neuere Studien der University of Cambridge und der University of British Columbia feststellen: Denn die Erinnerung an Erlebnisse verblasse im Alltag relativ schnell. Die Freude über den Kauf realer Produkte dagegen halte länger an und könne einen ungleich größeren Wert darstellen – vorausgesetzt, der Käufer legt sich einen Gegenstand zu, der ihm auch wirklich viel bedeutet und der ihm einen Erlebniswert verschafft. Büchernarren zum Beispiel wollen Bücher auch besitzen. Und wer sich ein schönes Fahrrad kauft, um damit besondere Touren zu machen, wird ebenfalls lange und häufig eine tiefe Befriedigung erleben.