Wenn jemandem, der erst seit einigen Monaten in Deutschland lebt, Worte wie Mietschuldenfreiheitsbescheinigung problemlos über die Lippen gehen, dann läuft etwas schief. Flüchtlinge wie Ghaith erfahren nach ihrer Ankunft schnell, wie umständlich die deutsche Bürokratie sein kann. Der 19 Jahre alte Syrer wohnte erst in einer Turnhalle, fand dann einen Vermieter, der ihn bei sich aufnehmen wollte. Einziehen konnte Ghaith aber nicht. Ihm fehlten Formulare, Bewilligungen und Einverständniserklärungen. Zwei Monate später, nach vielen Anträgen und Behördenbesuchen, konnte er einziehen.

Auch seine syrischen Freunde Ahmad, Yazan, Munzer und Muhammad haben mehr Erfahrung mit der deutschen Bürokratie als viele Deutsche in ihrem Alter. Sie berichten von großen Ordnern, in denen sie ihre zahlreichen Behördendokumente aufbewahren. "Es ist wie Pokémon sammeln", sagt Ghaith. Lageso, Bürgeramt, Ausländerbehörde, Bamf, Jobcenter und Rentenversicherung. Was für die meisten Deutschen umständlich ist, kann für Flüchtlinge zum echten Problem werden. Vielen Behörden fehlen Übersetzer für Arabisch, Farsi oder Paschtu. Oft sprechen die Mitarbeiter auch kein Englisch. So unterschreiben Flüchtlinge häufig Dokumente, deren Inhalt sie überhaupt nicht verstehen.

App als Ausweg

Digitalisierung könnte hier helfen. "Die deutsche Bürokratie basiert auf gedrucktem Papier," beschwert sich Yazan. Deshalb entwickeln die jungen Männer jetzt Bureaucrazy – eine App, die Flüchtlingen und anderen Neuankömmlingen in Deutschland im Umgang mit der Bürokratie helfen soll.

Programmieren haben die Bureaucrazy-Entwickler erst in Deutschland gelernt. © David Zajonz für ZEIT ONLINE

Keiner aus der Gruppe hatte eine IT-Ausbildung oder Programmierkenntnisse, bevor er nach Deutschland kam. Ihre Fähigkeiten haben sie in den letzten Monaten an der ReDi-School erworben, einem Berliner Start-up, das Flüchtlingen Programmieren beibringt. Am ersten Tag in der ReDi-School sollten die Kursteilnehmer überlegen, bei welchen Problemen, die Flüchtlinge in Deutschland im Alltag haben, digitale Innovation helfen könnte. Sofort war den jungen Syrern klar, dass Bürokratie ihr Thema wird.

Als Website und als App soll Bureaucrazy Übersetzungen, Erklärungen und Stadtpläne mit den Standorten der wichtigsten Behörden bieten. Daten, die einmal eingetippt wurden, sollen gespeichert bleiben und automatisch in andere Formulare übertragen werden, damit dieselben Angaben nicht immer und immer wieder eingetragen werden müssen. Den Prototyp für die Website haben die jungen Männer bereits gebaut, die App-Version muss noch programmiert werden.

Die Macher von Bureaucrazy wollen sich zunächst den Einrichtungen widmen, mit denen Flüchtlinge am meisten zu tun haben: die Bürgerämter und die Jobcenter – das "Herz der deutschen Bürokratie", wie Munzer sie nennt. Hier beantragen Flüchtlinge unter anderem ihre Sozialleistungen, die Finanzierung ihrer Wohnungen und Hilfe für die Suche nach Jobs und Ausbildungsplätzen.

Mit ihrer Idee haben sie offenbar einen Nerv getroffen. Ständig klingeln bei den jungen App-Entwicklern inzwischen die Handys. Menschen, die sie noch nie getroffen haben, beglückwünschen sie auf Facebook. Im BBC-Radio und dem Guardian durften sie ihre Geschichte schon erzählen. "Jedes Like für unsere Facebook-Seite ist ein Ausdruck des Hasses auf die Bürokratie. Jeder auf der Welt leidet darunter", sagt der 23-jährige Munzer.