ZEIT ONLINE: Herr Rodrik, ist die Globalisierung eine gute oder eine schlechte Sache?

Dani Rodrik: (lacht) Ich glaube, diese Frage führt uns auf den falschen Weg. Die Globalisierung ist gekommen, um zu bleiben. Die Frage ist: Haben wir eine Globalisierung, die Spannungen und politische Probleme verschlimmert und sich dadurch selbst untergräbt, so wie in den Zwischenkriegsjahren des vergangenen Jahrhunderts? Oder können wir die Exzesse in den Griff bekommen, die Ungleichheit reduzieren und die Chancengerechtigkeit erhöhen?

ZEIT ONLINE: Welche Exzesse meinen Sie?

Rodrik: In bestimmten Bereichen sind wir weiter gegangen, als es vernünftig und sinnvoll gewesen wäre. Die Welthandelsorganisation hat in den 1990er Jahren angefangen, sich verstärkt in nationale Regulierungen einzumischen, anstatt nur gegen Zölle und Einfuhrbeschränkungen vorzugehen. Die wahrscheinlich größten Fehler haben wir jedoch auf den Finanzmärkten gemacht. Hier wurde fast jede Beschränkung für grenzüberschreitende Kapitalströme beseitigt. Das hat zu Instabilität und Finanzkrisen geführt.

ZEIT ONLINE: Und jetzt?

Rodrik: Ich glaube nicht, dass wir die Globalisierung zurückdrehen sollten. Das wäre die populistische Antwort auf die Probleme, aber sicherlich nicht meine. Im Finanzsektor sollten wir manches zurücknehmen. Staaten müssen besser in der Lage sein, Kapitalströme zu kontrollieren. Andererseits gibt es auch Bereiche, in denen wir noch weiter gehen sollten. Was wir brauchen, ist eine stärkere Globalisierung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.

ZEIT ONLINE: Wie kann man das erreichen?

Rodrik: In der Vergangenheit haben vor allem Konzerne und Banken die Globalisierung vorangetrieben. Es lag in ihrem Interesse, Regeln und Normen abzubauen oder zu harmonisieren. Wichtig wäre jetzt, dass sich Gewerkschaften, Verbraucherschützer und Menschenrechtsgruppen stärker engagieren. Das könnte für ein besseres Gleichgewicht sorgen.

ZEIT ONLINE: Haben die nicht viel zu wenig Einfluss?

Rodrik: Natürlich sind die gewählten Regierungen auch weiterhin der entscheidende Faktor. Sie aber reagieren auf Druck der Wähler oder zivilgesellschaftlicher Organisationen.

ZEIT ONLINE: In manchen Bereichen ist es auch für nationale Regierungen schwer, alleine tätig zu werden. Wie können wir zum Beispiel verhindern, dass Konzerne und Kapital in Steueroasen abwandern?

Rodrik: Ich bin auf jeden Fall für wesentlich größere zwischenstaatliche Kooperation beim Kampf gegen Steueroasen. Allerdings könnten Staaten wie die USA oder auch die EU als Ganzes selbst viel mehr tun, um gegen die Steuerflucht ihrer Unternehmen vorzugehen. Das eigentliche Problem ist, dass die Regierungen selbst unter dem Einfluss von Konzernen stehen. Der mangelnde Wille der Staaten ist das große Hindernis – mehr noch als fehlende globale Kooperation.

ZEIT ONLINE: Wie sollte die Politik auf die Kritik an der Globalisierung reagieren?

Rodrik: Sie muss klare Antworten formulieren, wie sie Exzesse der Globalisierung einfangen will. Hillary Clinton engagiert sich mittlerweile viel stärker im Kampf gegen die wachsende Ungleichheit in den USA, auch in der Handelspolitik hat sie sich bewegt. Ich befürchte aber, dass das größtenteils kleine Korrekturen sein werden und dass die Politik in den USA und auch in Europa dem wachsenden Populismus nicht gewachsen ist.

Falls Hillary Clinton die Wahlen wirklich gewinnt: Was passiert, wenn danach ein Populist kommt, der intelligenter und weniger selbstzerstörerisch ist als Trump? Die letzte Phase der Globalisierung wurde durch den Faschismus und den Kommunismus jäh beendet. Das darf nicht wieder passieren.