Die Millennials lassen die Autohersteller in den USA verzweifeln: Sie wollen einfach nicht mehr kaufen. General Motors engagierte die Marketingexperten von MTV und Macher von Sendungen wie Teen Mom, um die Generation der zwischen 1980 und 1999 Geborenen für seine Modelle zu begeistern. Ford stellte seine Autos den einflussreichsten Bloggern des Landes für Testfahrten zur Verfügung – in der Hoffnung, so die jüngere Zielgruppe zu inspirieren. Sollte es die Branche nicht schaffen, sich an den Geschmack der Jugend anzupassen, laufe sie Gefahr, zum uncoolen "Dad auf dem Schulball" zu werden, zitierte die New York Times eine MTV-Verantwortliche zum Start der Zusammenarbeit mit General Motors 2012.

Doch die Versuche, die junge Liebe zum Auto zu entfachen, schlagen bislang fehl. Die Millennials fahren laut einer Studie der US Public Interest Research Group kürzere Distanzen, steigen auf öffentliche Verkehrsmittel um, nehmen das Fahrrad oder laufen. Käufer zwischen 21 und 34 machten in den vergangenen Jahren nur noch 27 Prozent der neuen Autobesitzer aus im Jahr 1985 waren es noch 38 Prozent. Die Zahl der Jugendlichen, die einen Führerschein machen, fiel zwischen 1998 und 2008 um 28 Prozent. Unter den 31 Marken, die sie am meisten bewundern, taucht kein einziger Autohersteller auf.

Dabei konnte sich Amerika lange auf den Nachwuchs verlassen. Der eigene Erst- und Zweitwagen gehörte neben dem Eigenheim fest zum amerikanischen Traum, rund die Hälfte des Einkommens einer typischen amerikanischen Familie fließt seit Jahrzehnten in Transport und Wohnung.

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Netflix statt Drive-In-Kino

"Es wurde erwartet, dass man spätestens mit Anfang 30 eine Familie hat, ein Haus und mindestens ein Auto", sagt Perry Wong vom Milken Institute in Kalifornien. Dass sich das zu ändern scheint, zeigt sich auch auf dem Immobilienmarkt: Der Anteil der unter 34-Jährigen mit Hypotheken ist heute halb so hoch wie noch vor zehn Jahren. "Wir haben es mit einer neuen Realität zu tun", sagt Wong.

Vor allem die Revolution aus dem Silicon Valley hat die amerikanischen Traditionsbranchen im Kern erschüttert. Wer heute Zugang zu einem Smartphone hat, der kann sich vielerorts im Zweifel jederzeit ein Uber ordern, wenn er von einem zum anderen Ort kommen will. Und anstatt das Auto 90 Prozent der Zeit in der Garage zu lagern oder stundenlang nach einem Parkplatz zu suchen und sich um Versicherung und Wartung zu sorgen, greifen junge Amerikaner lieber auf Dienste wie Zipcar zurück. Seit das Drive-In-Kino durch Netflix ersetzt wurde, ist das Smartphone erstrebenswerter als das Auto – schließlich lässt sich damit die Distanz zu Freunden einfacher und billiger überbrücken.

Was sind die Ursachen?

Auch die Art, wie die Amerikaner wohnen, wird immer stärker von Start-ups definiert. WeLive, ein Ableger des New Yorker Büroplatz-Anbieters WeWork, bietet Millennials im arbeitsfähigen Alter Zimmer in WGs mit Rundumversorgung an – ohne langfristige Bindung an einen Mietvertrag, für den Fall, dass sich ein besserer Job in einer anderen Stadt ergibt. Eine Hypothek mit dreißigjähriger Laufzeit sei ein Relikt aus Zeiten, in denen die Menschen ein Leben lang denselben Job gehabt und dasselbe Haus besessen hätten, schreibt John Marshall von der Berateragentur Lippincott. "Der Facebook-Post aus dem Italienurlaub ist heute wichtiger für das Selbstwertgefühl als das Luxusanwesen oder der Wagen in der Garage."

Skeptiker des Wandels tun die derzeitige Entwicklung dagegen als Folge der prekären wirtschaftlichen Lage vieler junger Amerikaner ab. Hohe Schulden aus der Ausbildung, ein unsicherer Job-Markt und unstete Lebensläufe sorgten schlicht dafür, dass die Millennials große Anschaffungen in die Zukunft verschieben und länger bei ihren Eltern wohnen. Auch die New York Times warf der Regierung vor wenigen Tagen vor, zu wenig Anreize und Hilfestellungen zu schaffen.

Die Autobranche hofft, dass fallende Benzinpreise und bessere Jobs die Trendwende einleiten könnten und verweisen auf zuletzt steigende Verkaufszahlen. Analyst Wong ist skeptisch. Die Entwicklung sei nur zum Teil auf die ökonomische Realität zurückzuführen. "Wir erleben eine Generation mit ganz anderen Erwartungen", sagt der Ökonom. Was das heiße, werde sich erst in ein paar Jahren wirklich zeigen.

Transformation oder Untergang?

Für die US-Wirtschaft könnte der Wandel weitreichende Folgen haben. Denn der Immobilienmarkt ist ein wichtiges Standbein der Wirtschaft, der zahlreiche andere Branchen am Leben erhält. Nicht nur die Kreditwirtschaft ist von einem florierenden Geschäft abhängig, auch die Baubranche steht und fällt mit dem Wunsch der Amerikaner nach dem Eigenheim. Ohne ihn bleibt selbst die Niedrigzinspolitik der US-Notenbank weitgehend wirkungslos. In den Achtzigern etwa hatte die Federal Reserve mit dem Niedrigstzins Hypotheken erschwinglicher gemacht – und so einen Bau-Boom ausgelöst, der das Land aus der Rezession brachte. Die Autobranche wiederum ist noch immer für einen Großteil der blue collar jobs verantwortlich, die von neuen Boom-Branchen wie der Technologie nicht aufgefangen werden.

Nicht alle sehen die Entwicklung derart düster. Das Leben auf engerem Raum werde die Kreativität im Land ankurbeln, argumentieren Ökonomen. Wenn Vermögensgegenstände wie Autos und Wohnungen geteilt würden, steige die Produktivität, weil es zu weniger Leerlauf komme. Und wenn die Amerikaner weniger Geld für Autos und Häuser ausgeben würden, hätten sie eben mehr Geld, das sie sparen oder an anderer Stelle ausgeben können, etwa für Reisen oder die Ausbildung, sagt Peter Wong. In einer sich ständig wandelnden Arbeitswelt seien Investitionen in die eigenen Fähigkeiten im Zweifel wichtiger als ein Eigenheim.