So unwohl wie diesmal hatte er sich noch nie gefühlt. Vor drei Wochen reiste der deutsche Mittelständler Werner Maurer in die Türkei, um eine Konferenz zu besuchen. Das war direkt nach dem Putsch. Und wie immer verbrachte er nach der Geschäftsreise noch zwei Tage am Strand. "Aber so menschenleer und still wie diesmal habe ich die Strände bei Izmir noch nie erlebt", sagt er. "Es war fast gespenstisch." Ursprünglich wollte Maurer in diesen Tagen wieder "unten" sein. Mit einer Delegation seiner Firma sollte der Ausbau des neuen Produktionswerkes geplant werden. Maurer hat den Besuch abgesagt. "Ich bin mir nicht sicher, ob das zurzeit eine gute Idee ist", sagt er. So wie er denken im Augenblick viele deutsche Firmenchefs.

Nur wenige wollen sich jedoch öffentlich über die Situation in der Türkei äußern, geschweige denn, ihren Namen oder den ihrer Firma in den Medien sehen. Auch Werner Maurer heißt in Wirklichkeit anders. Der Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens pflegt seit Jahren intensive Geschäftskontakte in der Türkei. Dort hat seine Firma ein eigenes Werk und weil die Geschäfte gut laufen, sollte es ausgebaut werden. Doch dann kam der Putsch. "Wir haben unsere Investitionen erst mal auf Eis gelegt", sagt er.

Mit seiner Entscheidung ist er nicht allein. Geschäftsreisen und Konferenzen werden abgesagt, erste Unternehmen ziehen sogar ihre Mitarbeiter ab, berichten die Industrie- und Handelskammern. Auch manch ein türkischstämmiger Mitarbeiter, der sonst jeden Sommer in den Heimaturlaub fährt, bleibt in diesem Jahr lieber in Deutschland. Aus Angst, er könnte am Ende die Türkei nicht mehr verlassen. Die Stimmung habe sich "erheblich getrübt", sagt Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Die deutschen Firmen seien "stark verunsichert".

Deutschland ist größter Investor

Wie tief diese Verunsicherung reicht, zeigt eine Spontanumfrage der Handelskammern unter deutschen Unternehmen, die auch in der Türkei aktiv sind. Immerhin sagen 95 Prozent, dass sie keinen Austritt aus dem türkischen Markt planen. Aber: Bereits jeder fünfte Betrieb geht davon aus, dass das Geschäft in der Türkei Einbußen erleiden wird. Das Reiseunternehmen Thomas Cook, zu dem auch Öger Tours gehört, war eines der ersten, das seine Gewinnerwartungen deutlich nach unten korrigiert hat. Fast die Hälfte der befragten Unternehmen will nicht mehr oder nur noch "vielleicht" in der Türkei investieren. Über die Hälfte würden Investitionen nicht mehr oder nur noch eingeschränkt empfehlen. Für die Türkei könnte das zu einem großen Problem werden: Deutschland ist mit einem Gesamtvolumen von immerhin 37 Milliarden Euro der größte ausländische Investor.

Der türkische Ministerpräsident Binali Yıldırım will von all dem nichts wissen: "Unsere Wirtschaft steht felsenfest. Es gibt nicht einmal einen leichten ökonomischen Schock", wiegelte er bei einer Pressekonferenz in Ankara ab. Bülent Tulay, Präsident der deutsch-türkischen Wirtschaftsvereinigung, sieht das differenzierter: "Die türkische Volkswirtschaft ist im Vergleich zu vielen anderen Volkswirtschaften in der EU wesentlich robuster, ihre Produkte und Dienstleistungen sind vielfältiger und last, but not least verfügt sie über einen sehr flexiblen und dynamischen Mittelstand", sagt er. "Aber in keiner Volkswirtschaft bricht nach einem blutigen Putsch ein Wirtschaftsboom aus."

Das türkische Handelsministerium schätzt, dass der Putsch und seine Folgen bislang mindestens 90 Milliarden Euro gekostet haben. So hoch seien die Schäden durch zerstörte Gebäude, abgesagte Warenbestellungen und – nicht zu vergessen – die vielen Stornierungen von Touristen, die sich bereits jetzt an den Küsten bemerkbar machen.