Algorithmen, intelligente Software und Roboter können immer mehr Dinge, zu denen noch vor Kurzem allein der Mensch fähig war. Über die rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz (KI) und deren Folgen berichtet ZEIT ONLINE in der neuen Serie "Maschinenraum".

ZEIT ONLINE: Frau Nahles, müssen sich die Arbeitnehmer in Deutschland davor fürchten, ihren Job an intelligente Software oder einen Roboter zu verlieren?

Andrea Nahles: Wir werden Tätigkeiten an die Maschinen und Algorithmen abgeben, aber wir haben deswegen nicht automatisch ein Beschäftigungsproblem. Aus der Haltung "Ich fürchte mich vor Veränderungen, die in den nächsten 20 Jahren selbstverständlich sein werden" spricht eine Kultur der Angst. Ich bin da optimistischer: Wenn es gelingt, die Menschen für berufliche Veränderungen zu qualifizieren, und etwaige Produktivitätsgewinne dazu führen, dass neue Produkte und Dienstleistungen nachgefragt werden, gehe ich von einem Zuwachs an Arbeitsplätzen aus.

ZEIT ONLINE: Die meisten Experten sehen sehr wohl eine Gefährdung von Arbeitsplätzen durch die Digitalisierung und Automatisierung.

Nahles: Die meisten Studien für Deutschland gehen eben nicht von massiven Beschäftigungsverlusten aus. Nur werden immer die ein bis zwei Studien zitiert, die allein auf die technischen Automatisierungspotenziale schauen. Und ich möchte nicht, dass man das Thema bagatellisiert. Grundsätzlich ist es richtig, dass viele monotone und automatisierbare Tätigkeiten wegfallen werden. Bei Banken und Versicherungen führt das schon jetzt zu Veränderungen, teilweise auch zu Entlassungen. Man muss analysieren, was geschieht, und auf zu erwartende Entwicklungen rechtzeitig reagieren. Möglicherweise haben wir noch zu viele Menschen mit dem Schraubschlüssel ausgebildet, aber in Zukunft werden eher analytische Controlling-Fähigkeiten abgefragt – im selben Berufsfeld! Das heißt, die neuen Qualifikationsanforderungen passen nicht mehr zum einst Gelernten. Das verändert die Arbeitsplätze, aber es vernichtet sie nicht automatisch.

Risiko eines Jobverlustes

Quelle: Dr. Max Neufeind © ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Viele Branchen erschließen sich derzeit die technischen Potenziale, aber es herrscht wenig Klarheit darüber, was künstliche Intelligenz und Automatisierung für die Mitarbeiter bedeuten werden.

Nahles: Einige Unternehmen kümmern sich intensiv genau um diese Frage. Bosch in Stuttgart-Feuerbach etwa hat ermittelt, dass 66 Prozent seiner Beschäftigten in der Produktion ungelernt sind. Momentan passt das so. Aber was ist in zehn Jahren? Das Unternehmen hat dafür mit der Bundesagentur für Arbeit ein Programm entwickelt, das den Leuten anbietet, berufliche Qualifikationen nachzuholen. Was ich damit sagen will: Alle Unternehmen tun gut daran, sich selbst auf den Prüfstand zu stellen. Das ist schwierig, denn die Zukunft lässt sich nicht einfach abpflücken wie ein Kalenderblatt. Es gibt sicher auch Umbrüche, Transformationen, Rückschläge in einzelnen Bereichen, das muss man ehrlicherweise sagen. Aber wir dürfen nicht in Angststarre verfallen.

ZEIT ONLINE: Nehmen wir ein anderes Beispiel: Wie sieht es bei einem Steuerprüfungsbüro mit 100 Angestellten aus? Nehmen wir an, dort sind zwei IT-Kräfte damit beschäftigt, eine Software zu entwickeln, die 90 Angestellte überflüssig macht. Was passiert mit den Leuten?

Nahles: Unternehmen, bei denen im Zuge von Arbeiten 4.0 Veränderungen anstehen, müssen diese kommunizieren. Das ist eine Frage der Fairness und der Partnerschaft. Gleichzeitig ist es wichtig, dass jeder Arbeitnehmer sich damit befasst, welche Veränderungen in seiner Branche wahrscheinlich sind. Konkret: Wenn ich in einer Bank oder einer Versicherung arbeite, ist eine unabhängige Weiterbildungsberatung sinnvoll, weil in diesen Branchen die regelhaften Prozesse automatisiert werden.

ZEIT ONLINE: Weiterbildung soll die Leute also vor der maschinengemachten Arbeitslosigkeit schützen. Aber wie soll das organisiert werden – für alle Branchen und im ganzen Land?

Nahles: Am besten durch Lernen im Betrieb. Wir haben hier in Deutschland eine andere Situation als im Silicon Valley. Die dortigen Firmen kaufen sich die Topleute aus der ganzen Welt zusammen. Wir haben in Deutschland Unternehmen, die auf eine gut qualifizierte Arbeitnehmerschaft setzen, die sie selbst ausgebildet haben. Das heißt, wir müssen sie auch weiterbilden – on the job –, nicht nur mit einer kleinen Qualifizierung kurz vor der Arbeitslosigkeit.

ZEIT ONLINE: Ob mir so eine Weiterbildung angeboten wird, hängt aber vom Unternehmen ab, für das ich arbeite. Auch eine Frage der Fairness?