Die Flüchtlingsdebatte wird nicht selten mit Argumenten über Gerechtigkeit und Verteilung geführt. "Die Migranten bedrohen unseren Wohlstand", lautet ein gern gegen Flüchtlinge vorgebrachtes Argument. Dieser Standpunkt wurde auch von der Politik aufgegriffen. Als etwa SPD-Chef Sigmar Gabriel auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise davor warnte, bei der einheimischen Bevölkerung dürfe nicht das Gefühl entstehen, für "die Flüchtlinge" sei Geld da, für "die Einheimischen" aber nicht, bediente er dieselbe Rhetorik des Sozialneides.

Doch was ist dran an der Behauptung? Eine Analyse des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institutes (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zeigt, dass das Armutsrisiko in der Gesamtbevölkerung im vergangenen Jahr, also parallel zur Flüchtlingskrise, gestiegen ist.

Von 2014 auf 2015 legte die Armutsquote laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes, die am Donnerstag veröffentlicht werden sollen, um 0,3 Prozentpunkte auf 15,7 Prozent zu – und erreichte damit den höchsten Stand seit der Wiedervereinigung. Die Quote bildet den Anteil der Menschen ab, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in Deutschland verfügen. Für eine einzelne Person lag die Einkommensschwelle 2014 bei 916 Euro, für eine vierköpfige Familie bei 1926 Euro netto. Es handelt sich also um einen sogenannten monetären Armutsbegriff.

Die Folgen der Flüchtlingskrise erreichen jetzt die Statistiken. Ein genauerer Blick auf die Daten zeigt aber, dass der Anstieg ausschließlich auf eine gestiegene Armutsquote unter Migranten zurückzuführen ist. In diese Gruppe werden auch die Flüchtlinge gezählt. Bei der einheimischen Bevölkerung stagniert der Anteil dagegen seit 2011 bei 12,5 Prozent. "Die Daten widersprechen der Vorstellung, dass die Einwanderung zu einer Verarmung der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund beitragen würde", sagt Studienautor Eric Seils vom WSI.

Auf der anderen Seite zeigen sie, dass die aktuell sehr gute wirtschaftliche Lage und die geringe Arbeitslosigkeit sich offenbar nicht auf das Armutsrisiko auswirken. Ein Grund dafür könnte sein, dass viele Menschen im Niedriglohnsektor beschäftigt sind und deswegen unterhalb der Schwellenwerte bleiben.

Hohes Armutsrisiko unter Flüchtlingen

Zugleich bestätigen die Zahlen, dass viele Flüchtlinge in Deutschland zunächst in äußerst prekären Verhältnissen leben. "Von den Personen, die vor weniger als fünf Jahren eingewandert sind, müssen 41,9 Prozent mit einem Einkommen unter der Armutsgrenze zurechtkommen", heißt es in der Studie des WSI. Zudem würden insbesondere Migranten aus Herkunftsländern der jüngsten Flüchtlingsbewegungen "extrem hohe Werte" aufweisen. Den vom WSI ausgewerteten Daten zufolge gilt das etwa für syrische (78,1 Prozent), irakische (65,0 Prozent), pakistanische (59,3 Prozent) und afghanische (58,1 Prozent) Einwanderer.

Ein Vergleich mit vorangegangenen Einwanderergruppen zeigt laut WSI aber auch, dass das Armutsrisiko mit zunehmender Aufenthaltsdauer sinkt. "Bei der Bewertung der neuen Zahlen ist Augenmaß gefragt", sagt Seils. Bei den neu angekommenen Flüchtlingen müsse zunächst im Vordergrund stehen, dass sie Verfolgung und Krieg entgangen seien. Kurzfristig sollte die Einkommensarmut dieser Gruppen daher nicht dramatisiert werden. Langfristig aber komme es darauf an, die Einwanderer möglichst schnell ausreichend zu qualifizieren, damit sie ihren Unterhalt aus eigener Kraft bestreiten können und sich in die Gesellschaft integrieren.

Dass dieser Schritt in Deutschland nicht immer gelungen ist, zeigt die Armutsquote unter Migranten, die vor mehr als 25 Jahren nach Deutschland gekommen sind. Von ihnen lebt laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes noch heute mehr als ein Fünftel unterhalb der Armutsgrenze. Dies mache in Kombination mit der konstanten Armutsquote bei der Gesamtbevölkerung deutlich, dass Maßnahmen gegen Armut und Ungleichheit weiterhin hohe politische Priorität haben müssten, sagt Seils.