Jan Stöß kommt zu spät, weil er überall gleichzeitig sein muss. Der SPD-Politiker steckt mitten im Berliner Wahlkampf, gibt Lokalreportern Interviews, hält eine kurze Rede auf der Bühne der Anti-Ceta-Demo. Und dann noch der Marsch für die Kameras. Längst haben sich die prominentesten Ceta- und TTIP-Gegner am Strausberger Platz hinter einem großen roten Banner aufgereiht: "Gerechter Welthandel statt Ceta und TTIP" ist darauf zu lesen. Schnell drängelt sich Stöß zu Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband, Foodwatch-Chef Thilo Bode und Andrea Kocis von Verdi in die erste Reihe. Schließlich hat er einen Ruf zu verteidigen. Neben Marie-Noëlle Lienemann, einer der Präsidentschaftskandidaten der Sozialisten in Frankreich, findet er noch Platz. Er lächelt, grüßt und hält sich am grellen Transparent fest. 

Jan Stöß war einmal der SPD-Landesvorsitzende von Berlin und wollte den damaligen Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit beerben. Als Parteilinker kritisierte er aber auch die geplanten Freihandelsabkommen TTIP und Ceta und verärgerte so seinen Parteichef Sigmar Gabriel. Regierender Bürgermeister und Berliner SPD-Chef ist jetzt Michael Müller und nicht Jan Stöß. An der Parteibasis genießt Stöß aber bis heute große Anerkennung. "Der Jan Stöß, ich will mal sagen, das ist ein aufrechter Linker", sagt einer, der ganz vorne im Demozug mitläuft.

Im Moment kämpft Stöß um den Einzug ins Berliner Abgeordnetenhaus im Wahlbezirk Mitte zwei. Erreicht hat er unter anderem, dass selbst Sigmar Gabriel gegen den Willen der Kanzlerin TTIP für gescheitert erklärt. Das Ceta-Abkommen mit Kanada aber will Gabriel durchsetzen.

"Das hier hat das Zeug zu einer Massenbewegung"

Doch Jan Stöß gibt keine Ruhe: Als einziger im SPD-Vorstand hatte er kürzlich gegen Gabriels Reformvorschlag gestimmt. Und er hofft, dass sich am Montag, wenn der Parteikonvent in Wolfsburg zusammenkommt, sogar eine Mehrheit der Basis gegen die Pläne von Gabriel ausspricht. Ein gefährliches Spiel, denn Gabriel könnte der nächste Kanzlerkandidat der SPD werden. Folgt ihm die Partei auf dem Konvent nicht, wäre er schon vor einer möglichen Nominierung stark angeschlagen.

Die SPD wird sich kaum komplett gegen Ceta stellen, glaubt Stöß. Er sei aber zuversichtlich, "dass es am Montag zumindest eine Mehrheit dafür geben wird, die vorläufige Anwendung von Ceta abzulehnen". Ceta muss zwar noch von den Parlamenten der EU-Mitgliedsstaaten abgesegnet werden, die EU-Kommission will es aber schon vorher vorläufig anwenden. Dagegen wehrt sich die SPD-Basis. Wenn die SPD nein sagen würde, geriete aber nicht nur Sigmar Gabriel unter Druck, sondern auch CDU und CSU.

Viele in der SPD fragen sich, warum Gabriel so stark an den Handelsabkommen mit Kanada festhält. In der Bevölkerung ist die Ablehnung groß: Immerhin 70.000 Menschen haben sich am Samstag in der Hauptstadt versammelt, um gegen das Abkommen zu demonstrieren. Bundesweit sollen es nach Angaben der Veranstalter 320.000 Demonstranten in Köln, Stuttgart, München, Frankfurt, Leipzig, Hamburg und Berlin gewesen sein. Im Oktober – zur letzten Großdemonstration gegen TTIP und Ceta in Berlin – kamen um die 250.000 Menschen. Während der Abschlusskundgebung werden die Veranstalter nicht müde zu betonen, das hier sei das breiteste Bündnis, das es in Deutschland je gegeben habe. Auch Jan Stöß sagt: "Das hier hat das Zeug zu einer Massenbewegung. Das müsste auch die SPD-Spitze erkennen."

Weil Gabriel ein Nein der Basis fürchtet, flog der Wirtschaftsminister kürzlich sogar nach Kanada, um mit Premierminister Justin Trudeau Nachbesserungen auszuhandeln. Sein Erfolg war übersichtlich. Beide Seiten würden unterstützen, dass "bestimmte Klarstellungen vorgenommen werden sollen."  Gabriel twitterte seine Verhandlungsleistung: "@Justin Trudeau und ich sind uns einig: Globalisierung braucht klare Regeln. #CETA" Der SPD gehe es nicht nur um "Free- sondern auch um Fairtrade".