"Meine Tochter ist das gefährlichste Tier der Welt": Ob Jørgen Randers das rausgerutscht ist? Oder hat er darauf gesetzt, dass er mit so einem Satz die Medien kriegt? Im letzteren Fall wäre die Rechnung zwar aufgegangen – aber nicht zu seinen Gunsten.

Gefährlich sei die Tochter, weil sie als westliche Konsumentin 30-mal so viele Ressourcen verbrauche wie ihre Artgenossen in armen Ländern, so erklärte der norwegische Zukunftsforscher seine Provokation. Deshalb müssten die reichen Länder mehr für die Geburtenkontrolle tun.

In dem nagelneuen Bericht an den Club of Rome, den Randers gemeinsam mit dessen Generalsekretär Graeme Maxton in Berlin vorstellte, werden die Co-Autoren noch konkreter. Jede Frau, die nur ein Kind aufziehe, solle im Alter von 50 Jahren für ihren Verzicht einen Bonus von 80.000 Dollar in die Hand gedrückt kriegen.

Ein Prozent BIP ist genug

Kein Wunder, dass es da Schlagzeilen hagelte. Ein derart rigider staatlicher Übergriff in eine der privatesten Entscheidungen jedes einzelnen Bürgers, noch dazu mit schnödem finanziellem Anreiz: Das ist nicht nur unpopulär, sondern auch ethisch fragwürdig. Außerdem kam der Vorschlag ja nicht von irgendwem. Der Club of Rome gilt weltweit als Instanz für die Suche nach Nachhaltigkeitsstrategien und Randers ist einer der Autoren, die diesen Ruf schon 1972 mit dem legendären Augenöffner Die Grenzen des Wachstums begründet haben. Seither aktualisiert der Professor für Klimastrategien und Systemdynamik immer wieder eindringlich seine Warnungen vor dem Ökokollaps des Planeten.

Der Debatte über sein jüngstes Buch allerdings hat er mit seinem bevölkerungspolitischen Holzhammer geschadet. Denn dass sich nun alle auf die "Kinderverzichtsprämie" und "europäische Einkindpolitik" stürzen, blockiert die Aufmerksamkeit für zwölf weitere, zukunftsträchtige, in jedem Fall diskussionswürdige Vorschläge. Das neue Ökomanifest ist radikaler, aber auch konstruktiver und zielstrebiger als frühere Berichte des Ökoclubs.

Der fokussierte sich meist eher auf Hochrechnungen über die Trends vom Biodiversitätsverlust bis zum Klimawandel und im Vergleich zu deren Dramatik klangen die Empfehlungen oft recht allgemein. Nun resümiert Jørgen Randers milde zornig: "Wir versuchen es seit 40 Jahren damit, einen Wertewandel zu erreichen. Doch mit der sanften Tour sind wir gescheitert."

Deshalb drehen die Autoren den Wirkmechanismus jetzt um: Nicht die Werte sollen die Menschen zur Umkehr treiben, sondern politische Beschränkungen sollen die Werte ändern. Und das gezielt erst einmal in den reichen Ländern, weil die am meisten profitieren und den größten Schaden anrichten.

Dass ihr Generalziel bleibt, das Bruttoinlandsprodukt zu begrenzen, dürfte bei den langjährigen Kritikern eines zerstörerischen Wirtschaftswachstums noch am wenigsten überraschen. Aber sie werden konkreter: "Ein Prozent ist genug", so lautet auch deshalb der Titel ihres Buches.

Dabei argumentieren Randers und Maxton nicht nur ökologisch mit den im Vergleich zu Entwicklungsländern fünf- bis zehnfachen Treibhausgasemissionen. Nüchtern analysieren sie, dass es in den saturierten Ökonomien der Industrienationen kaum mehr gelinge, das Bruttoinlandsprodukt selbst mit immer größerem Aufwand überhaupt noch nach oben zu treiben. "Statt zu jammern, wenn Regierungen und Zentralbanken das Wachstum nicht auf über ein Prozent pro Jahr anheben können, sollten wir uns damit zufrieden geben", schreiben Randers und Maxton lakonisch.