Die Deutsche Bank ist auf dem Tiefpunkt angelangt. Die Aktie des Frankfurter Geldinstituts, das einst den internationalen Finanzmarkt bestimmen wollte, brach Anfang der Woche um mehr als sechs Prozent auf 10,29 Euro ein. Seit das amerikanische Justizministerium der Bank eine Strafe von 14 Milliarden Dollar wegen unerlaubter Hypothekengeschäfte angedroht hat, wird spekuliert, ob sie diese Summe angesichts ihrer dünnen Kapitaldecke noch stemmen kann. Gerüchte über Gespräche einer staatlichen Rettung machten die Runde. Sie wurden von der Bundesregierung und dem Geldinstitut selbst scharf dementiert. 

Genau 20 Jahre ist es her, dass die Bank ins globale Investmentgeschäft einstieg und mit ihren ehrgeizigen Expansionsplänen in London und an der Wall Street begann. Die Deutsche Bank wollte in New York mindestens so groß werden wie die amerikanischen Investmentbanken in Europa – so das Firmenziel im Jahr 1996. Die Rating-Agenturen wunderten sich schon damals. Moody's verwies darauf, dass die Deutsche Bank mit dem Investmentbanking zwar weniger abhängig werde von ihren inländischen Zinserträgen. Gleichzeitig aber erhöhten sich beim internationalen Investmentbanking nun mal die Volatilität der Erträge, das Marktrisiko und die mit Eigenkapital abzudeckenden Bilanzrisiken. 

Es war das Los nahezu aller europäischer Großbanken: Zu Hause wuchs die Konkurrenz, es drängten immer mehr Auslandsbanken in das heimische Firmen- und Privatkundengeschäft. Dafür lockten in London und an der Wall Street die deftigen Gewinne des globalen Börsengeschäftes, des Wertpapier- und Devisenhandels, der Neustrukturierung von Unternehmen in Zeiten der Globalisierung. Die Deutsche Bank begleitete einheimische Industriekonzerne bei ihrer internationalen Aufstellung.

Die Aktionäre jubelten, Warnungen wurden überhört

Die Expansion des Investmentbanking zahlte sich zehn Jahre lang, bis zur Finanzkrise 2007, in deftigen Gewinnen aus. Zweistellige Eigenkapitalrenditen, teilweise von mehr als 20 Prozent, waren an der Tagesordnung. Die Aktionäre jubelten.

Warnungen der traditionellen, deutschen Universalbanker vor der riskanten Nutzung der Bilanz gingen ins Leere. Die Deutsche Bank war mittlerweile abhängig von den hohen Gewinnen aus London und der Wall Street. Und die Gewinne schienen ihrer Expansionspolitik recht zu geben.

Die Expansion klappte, aber nur, weil die exorbitanten Gewinne aus dem rasant wachsenden Investmentbanking die hohen Risiken des Geschäftes, die mangelhafte Absicherung dieser Risiken, die rasant steigenden Kosten und die Folgen fragwürdiger Geschäftspraktiken verdeckten. Das Geschäftsmodell selbst wurde nicht infrage gestellt, obwohl das Institut gefährlich abhängig war vom Investmentbanking. Die Deutsche Bank hatte eben nicht den großen amerikanischen Markt im Rücken, sondern einen – durch den Einfluss der öffentlich-rechtlichen Sparkassen und der Landesbanken – weniger lukrativen Heimatmarkt. Sie hatte keine lukrative Vermögensverwaltung als Standbein, wie die schweizerischen Großbanken. Sie hatte nicht den asiatischen Markt im Griff, wie die britische Konkurrenz HSBC und Standard Chartered. Und sie war nicht Goldman Sachs. Goldman Sachs wurde für die Beratungsexpertise seiner Mitarbeiter bezahlt (und so manche Skrupellosigkeit). Die Deutsche Bank wurde für den riskanten Einsatz ihrer Bilanz bezahlt. So erreichte sie 2007 ihr Ziel: Die Deutsche Bank zählte zu den drei stärksten Investmentbanken der Welt.

Zu spät umgeschwenkt

Dann kam die Finanzkrise und es wurde klar, dass sich das künstlich aufgeblähte, kreditfinanzierte Wirtschaftswachstum auf Jahrzehnte nicht wiederholen würde. Nun ist kein Jahr vergangen, in dem nicht härtere Eigenkapitalvorschriften, schärfere Definitionen der risikogewichteten Aktiva und strengere Vorgaben der Liquidität gegriffen hätten. Das Investmentbanking wurde teuer, der riskante Einsatz der Bilanz unerschwinglich.

Die Deutsche Bank reagierte aber zunächst nicht. Genau wie Bob Diamond, der Chef von Barclays, erwartete Anshu Jain, der damalige Chef des Investmentbanking und spätere Co-Chef der Deutschen Bank, dass sich andere, durch die Finanzkrise geschwächte Banken, aus dem globalen Investmentbanking würden zurückziehen müssen, dass die Konkurrenz ausdünnen würde, und die Handelserträge im volatilen, unruhigen Geschäft der Jahre nach der Finanzkrise umso höher ausfallen würden. Aber Jain unterschätzte, wie sehr die Regulierung das Geschäft verteuerte, dass die Bilanzen der Universalbanken nicht mehr für die Risiken des Investmentbanking würden herhalten dürfen, und dass die Niedrigzinspolitik der Notenbanken die Zinsmarge am Heimatmarkt in die Zange nehmen würde.