Jens Weidmann, Chef der Bundesbank, hat die derzeitige Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) kritisiert. "Auf keinen Fall dürfen die Zinsen länger so niedrig bleiben als mit Blick auf die Preisstabilität unbedingt erforderlich", sagte er der Süddeutschen Zeitung. Auch wenn dies für einige Staaten Schwierigkeiten bedeuten würde. Die EZB dürfe dabei niemanden schonen: "Mögliche Probleme einzelner Finanzinstitute oder Staatshaushalte dürfen uns nicht davon abhalten, die Geldpolitik zu normalisieren, sobald es geboten ist."

Gleichzeitig hat der ehemalige Berater von Angela Merkel (CDU) davor gewarnt, die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank zu überfordern. "Die Notenbanken werden mit Erwartungen überfrachtet", sagte Weidmann. "Dies erfüllt mich mit einer gewissen Sorge, denn die EZB kann nicht alle Probleme lösen." Zur europäischen Politik äußerte sich Weidmann ebenfalls. Die Länder der Europäischen Union sollten wieder mehr eigene Verantwortung übernehmen: "Da eine Politische Union nicht mehrheitsfähig ist, muss die Eigenverantwortung der Mitgliedsländer gestärkt werden." Auf Probleme müsse anders als bisher reagiert werden: "Die übliche Reaktion der EU-Institutionen, Krisen mit 'mehr Brüssel', mehr Integration zu beantworten, verfängt nicht mehr", sagte Weidmann.

Für viele Bürger habe Europa an Strahlkraft verloren und sei zur Projektionsfläche für die "Schattenseiten von Globalisierung und Migration" geworden. Konkret schlug Weidmann eine Insolvenzordnung für Staaten und eine unabhängige Behörde vor, die die Einhaltung der Haushaltsregeln strikter überwache als es die EU-Kommission derzeit tue.

Weidmann sprach sich auch für eine Abspaltung der Bankenaufsicht von der EZB aus. "Der EZB-Rat verantwortet Geldpolitik und Bankenaufsicht", sagte er. Hier drohe ein Zielkonflikt: Als Bankenaufseher tue sich der EZB-Rat möglicherweise schwer, eine Bank hart anzufassen oder gar auf eine Abwicklung hinzuwirken, wenn er wisse, dass er aufgrund seiner geldpolitischen Maßnahmen ihr größter Gläubiger sei. Auf der anderen Seite, so Weidmann: "Als Geldpolitiker tue er sich möglicherweise schwer, den Leitzins anzuheben, wenn ihm Probleme, die Banken mit dem Zinsanstieg haben können, als Aufseher auf die Füße fallen."