ZEIT ONLINE: Herr Shiller, wie oft hat man Sie heute schon über den Tisch gezogen?

Shiller: Nun, da ich weder einen Fernseher noch ein Radio besitze, ist es schwer, mich zu manipulieren. Obwohl… Vielleicht bei meinem Frühstück.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie gefrühstückt?

Shiller: Eine Banane und etwas Sojamilch. Aber jetzt wo ich drüber nachdenke, war die Sojamilch gar nicht so gut. Man hat mich reingelegt. (Lacht)

Robert J. Shiller ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Yale University. 2013 wurde er für seine Analyse von Kapitalmarktpreisen mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet. Der von ihm mitentwickelte Hauspreisindex gehört zu den bedeutendsten der USA. Am 9. September erscheint sein Buch "Phishing for Fools", dass er zusammen mit dem Ökonomen George Akerlof verfasst hat. ©Michael Marsland/Yale

ZEIT ONLINE: Ihr Buch "Phishing for Fools" erschien kürzlich auf Deutsch. Darin beschreiben sie sogenannte Phishing-Gleichgewichte. Die klingen wie eine Variante von Murphys Gesetz: Überall, wo man uns als Kunden reinlegen kann, wird man uns auch reinlegen. Wie kommt es dazu?

Shiller: Es impliziert eine Variante von Murphys Gesetz. Aber eigentlich ist es nur die Beschreibung von etwas ganz Einfachem: Es ist offensichtlich, dass Unternehmen unsere Bedürfnisse manipulieren, um ihre Produkte zu verkaufen. Zu viel Moral kann man sich nicht leisten, sonst wird man von der erbarmungslosen Kraft des Kapitalismus hinweggefegt. Überleben können nur diejenigen, die bereit sind, zu tricksen. Diese Menschen sind nicht per se ohne Moral, sie finden sich lediglich mit der Realität ab. Der Kapitalismus fördert Betrug, wenn man ihn nicht reguliert. Wenn jemand anderes trickst, musst du das auch. Wir haben das in unserem Buch das Phishing-Gleichgewicht genannt. Der einzige Weg daraus sind Regulierungen durch die Politik – oder gemeinnützige Organisationen. 

ZEIT ONLINE: Was ist ein einfaches Beispiel, das jeder kennt?

Shiller: Nehmen Sie Süßigkeiten im Supermarkt und wo sie platziert werden. Was würden Sie machen, wenn Sie Marktleiter wären? Sie würden die Süßigkeiten wahrscheinlich vorne an der Kasse aufstellen, weil sie sich da besser verkaufen, wenn die Leute in der Kassenschlange warten. Sie würden sich vielleicht Gedanken darüber machen, ob das moralisch vertretbar ist. Sie würden aber vielmehr noch darüber nachdenken, wie hart der Wettbewerb ist und dass sie Gewinne machen müssen. So kommen Sie zum Schluss, dass es nicht so verwerflich ist, die Süßigkeiten an die Kasse zu stellen. Oder denken sie an einarmige Banditen, die immer ausgeklügelter designt werden. Sie ziehen Menschen in ihren Bann, machen sie abhängig. Und stellen Sie sich vor, sie kommen von der Universität, aber der einzige freie Job ist es, diese Maschinen zu entwickeln. Was würden Sie tun?

ZEIT ONLINE: Sie benutzen im Buch das Wort phishen für täuschen. Warum ein Begriff, der im Internet für nervige E-Mails verwendet wird?

Shiller: Einerseits ist es eine Metapher. Wir kennen das Problem mit Phishing, das ist ein breites Phänomen. Andererseits verweist der Begriff auf das traditionelle Fischen, geschrieben mit F. Angler denken sich eine Vielzahl von Kniffen aus, um Fische zu manipulieren und zu fangen. Gehen Sie auf eine Internetseite für Angelköder, da sehen Sie, wie viele Möglichkeiten es gibt, um diese kleinen Tiere an die Leine zu kriegen. Da werden Hunderte verschiedener Köder für eine einzige Fischart angeboten. Es muss wohl ein furchtbares Vergnügen sein, diese armen Tiere zu überlisten.

ZEIT ONLINE: Sind Sie Angler?

Shiller: Ich war schon mal angeln, bevorzuge aber etwas mehr Spannung.