Tinder ist beliebt, aber auch umstritten: Die Dating-App macht es einfach, im Schnelldurchlauf eine Vielzahl von Menschen kennenzulernen – oder auszusortieren. Geschätzte zehn Millionen Menschen nutzen sie Tag für Tag weltweit. Kritiker sagen: oft vor allem, um Sexpartner zu finden.

Heute gibt das Unternehmen eine Kooperation mit Spotify bekannt: Von nun an können Tinder-Nutzer ihre persönliche Hymne festlegen und die Lieblingssongs anderer Nutzer anhören. Sean Rad, Co-Gründer und CEO von Tinder, erklärt die Idee dahinter im Interview. Dabei hat sein Unternehmen eine Bedingung gestellt: Keine persönlichen Fragen an den Unternehmer, der in früheren Interviews gerne mal die Hosen runtergelassen und damit für ein teures PR-Desaster gesorgt hat.

ZEIT ONLINE: Vorab, Herr Rad: Ich habe Ihre App noch nie benutzt. Aber Freunde erzählen mir, dass sie meist ziemlich schnell über den Bildschirm wischen, wenn ein Profil erscheint, nach links oder rechts, je nachdem, ob sie Interesse haben, den anderen näher kennenzulernen oder nicht. Warum braucht es dafür Musik in der App?

Sean Rad © Tinder

Sean Rad: Da gibt es zwei Gründe. Musik ist ein großartiger Weg für uns Menschen, uns auszudrücken und anderen sehr schnell zu zeigen, was uns gefällt und wer wir sind. Außerhalb von Tinder begegnen sich Menschen oft in den Restaurants oder Clubs, deren Musik sie mögen, und die ersten Gespräche drehen sich oft um die Songs. Und zweitens: Es gibt eine Vielzahl soziologischer Studien darüber, wie sehr Musik die Persönlichkeitsmerkmale widerspiegelt. Wenn Menschen einen ähnlichen Musikgeschmack haben, dann haben sie oft auch ähnliche Interessen. Wir wollen diese Daten erfassen, um unseren Nutzern noch bessere Empfehlungen zu geben. Und mit ihrer persönlichen Hymne können unsere Nutzer den einen Song darstellen, der sie in dem Moment am besten verkörpert.

ZEIT ONLINE: Ihre Nutzer haben sich das Feature nicht explizit gewünscht?

Rad: Doch: Die Nutzer haben sehr lange danach gefragt – genau wie Mitarbeiter, die Tinder nutzen. Aber wir wollten uns die nötige Zeit lassen, den besten Weg zu finden, Musik zu integrieren.

ZEIT ONLINE: Kann die Musik helfen, über Tinder Partner für längere Beziehungen zu finden – oder nur beim Smalltalk, bevor man gemeinsam im Bett landet?

Rad: Beides. Sie hilft dir festzustellen, ob du jemanden kennenlernen willst und wer die andere Person ist. Und wenn du denjenigen dann triffst, dann kannst du über deine Vorlieben für Musik sprechen, das ist ein schöner Konversationsstarter.

ZEIT ONLINE: Tinder hat viele, viele Fans – aber auch viele Kritiker. Vanity Fair hat Tinder einmal die "Dating-Apokalypse" genannt, weil sie eine Kultur der Romantik durch eine Kultur des Abschleppens ersetzt. Wird Musik nun für mehr Romantik bei Tinder sorgen?

Rad: Tinder hat schon elf Milliarden Verbindungen zwischen Menschen hergestellt. Elf Milliarden Verbindungen, die es vorher nicht gegeben hat. Ein bedeutsamer Teil davon sind Ehen, eine Vielzahl sind langfristige Beziehungen und ein Teil sind kurze Beziehungen, Freundschaften. Und alles, was wir tun, ist: Wir stellen Leute vor. Wir lassen die Nutzer selbst entscheiden, was sie dann tun – und welche Art von Verbindung sie eingehen, hängt sehr davon ab, wo sie gerade im Leben stehen. Ich kann Ihnen sagen: Ich bin zu mehr Hochzeiten eingeladen worden, als ich jemals in meinem Leben besuchen kann.

ZEIT ONLINE: Und welchen Unterschied macht die Musik dabei?

Rad: Nachdem wir uns die letzten vier Jahre sehr darauf fokussiert haben, Nutzer erfolgreich miteinander bekannt zu machen, konzentrieren wir uns nun mehr darauf, ihnen dabei zu helfen, ihre Bekanntschaften kennenzulernen. Spotify hilft uns dabei, und es werden noch mehr Features folgen.

ZEIT ONLINE: Kürzlich hat sich ein Kollege hier bei der ZEIT 10.000 Tinder-Profile angeschaut und dabei beobachtet, dass viele Nutzer auf ihren Profilfotos lachen oder mit Haustieren posieren oder Sport treiben, sich also von einer sympathischen Seite zeigen. Besteht nicht die Gefahr, dass Nutzer auf Tinder nun nicht ihren wahren Musikgeschmack angeben, sondern eine persönliche Hymne wählen, von der sie meinen, dass sie anderen gefällt?

Rad: Das hängt sehr vom individuellen Nutzer ab. Ich empfehle immer: Sei du selbst! Aber niemand zeigt alle seine Karten sofort beim ersten Kennenlernen, das liegt in der Natur der Menschen. Du entwickelst eine erste Verbindung auf Basis der Merkmale, die du herausstellen willst. Und wenn du jemanden besser kennenlernst, dann teilst du auch mehr mit ihm. Es hängt von jedem einzelnen ab, welche Songs er auf seinem Profil zeigt, aber das Schöne an Tinder ist: Du kannst dich so zeigen, wie du möchtest.

ZEIT ONLINE: Was ist Ihre persönliche Hymne?

Rad: Meine Hymne ist: These are the days von Van Morrison.