ZEIT ONLINE: Herr Petersen, Sie kommen in Ihrer Studie für die Bertelsmann Stiftung zum Ergebnis, dass Deutschland besonders stark von der Globalisierung profitiert …

Thieß Petersen: Ja, weil die deutsche Wirtschaft vor allem im Exportsektor sehr gut aufgestellt ist. In einer globalisierten Welt bringt uns das entsprechende Wachstumsgewinne.

ZEIT ONLINE: Bisher galten doch aber die Schwellenländer als Gewinner der Globalisierung?

Petersen: Sie gewinnen auch. Wir arbeiten aber mit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner. Und hier starten die Schwellenländer von einem niedrigeren Ausgangsniveau, deshalb sind ihre Gewinne in absoluten Zahlen niedriger.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Petersen: Wir haben für unsere Studie den Zeitraum zwischen 1990 und 2014 analysiert. Anfang der Neunziger war das deutsche Bruttoinlandsprodukt pro Kopf schon relativ hoch. Das heißt, selbst wenn es globalisierungsbedingt nur um wenige Prozentpunkte steigt, ist der Zuwachs in absoluten Zahlen höher als in schnell wachsenden, aber relativ armen Ländern wie, sagen wir, China. Dann vergrößert sich der Abstand zwischen beiden Ländern sogar. Nimmt man die absoluten Zahlen des Pro-Kopf-BIP als Maßstab, haben die Schwellenländer kaum von der Globalisierung profitiert.

ZEIT ONLINE: Aber relativ zum Ausgangsniveau schon?

Petersen: Ja, genau. Beim relativen Gewinn sieht das Ergebnis ganz anders aus: Die durch Globalisierungseffekte bis 2014 erzielten Zuwächse beim Pro-Kopf-BIP sind in China viermal so groß wie die Wirtschaftsleistung je Einwohner im Jahr 1990 – das ist der höchste Wert aller von uns betrachteten 42 Länder. In Deutschland machen die aufsummierten Gewinne nur das 1,25-Fache aus.

ZEIT ONLINE: Lässt sich überhaupt berechnen, wie stark die Globalisierung das Wachstum eines Landes antreibt?

Petersen: Ja. Wir arbeiten mit dem KOF-Globalisierungsindex der Konjunkturforschungsstelle (KOF) an der ETH Zürich, den wir leicht angepasst haben. Dieser misst, wie stark einzelne Länder wirtschaftlich, sozial und politisch miteinander verflochten sind. Dann haben wir im nächsten Schritt gefragt: Kann man einen systematischen Zusammenhang feststellen zwischen der Zunahme des Wertes im Globalisierungsindex und der Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf? Und ja, da gibt es einen sehr stabilen Zusammenhang in allen 42 Ländern und über alle Jahre seit 1990. Man kann sagen, wenn der Globalisierungsindex-Wert eines Landes um einen Punkt steigt, geht die Wachstumsrate ungefähr um 0,3 Prozentpunkte nach oben.

Im dritten Schritt haben wir geschaut, wie sich das reale BIP je Einwohner tatsächlich entwickelt hat zwischen 1990 und 2014, und wie es sich entwickelt hätte, wenn in allen Ländern die internationale Verflechtung auf dem Niveau von 1990 stehen geblieben wäre. Damit zeichnen wir einen zweiten, hypothetischen Wachstumsverlauf ein. Die Differenz zwischen der realen und der hypothetischen Entwicklung entspricht dem BIP pro Kopf, das durch die Globalisierung hinzugekommen ist.