ZEIT ONLINE: Im September haben Sie ein Weltparlament der Bürgermeister mit gegründet. Es wird sich jetzt bei der Siedlungskonferenz der Vereinten Nationen in Quito vorstellen. Warum brauchen wir so etwas?

Benjamin Barber: Meine Gegenfrage lautet: Wie sollen wir mit einem Regierungssystem die Zukunft gestalten, das 400 Jahre alt ist? Unsere Welt ist heute immer vielschichtiger in gegenseitigen Abhängigkeiten miteinander verbunden, aber regiert wird sie nach wie vor von Nationalstaaten. Auch die globalen Organisationen bauen auf Nationalstaaten auf, sie spiegeln daher deren Begrenztheiten und Probleme. Die Städte könnten wertvolle andere Perspektiven einbringen.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie, was die nationalen Politiker nicht haben?

Barber: Städte reagieren schneller, konkreter und bürgernäher auf die großen Krisen, ob auf die Gefahren des Klimawandels, die Migration oder die Bedrohung der Sicherheit. Denn Bürgermeister müssen handeln. Und sie tun das unideologisch und pragmatisch.

ZEIT ONLINE: Ihrem Parlament der Bürgermeister müsste ja eine Regierung gegenüberstehen. Wen genau adressieren Sie?

Barber: Alle Ebenen, die nationalen Politiker ebenso wie die Vereinten Nationen, die EU oder die OECD. Bürgermeister gehörten zum Beispiel auch in dieser Woche bei der UN-Siedlungskonferenz Habitat mit an den Tisch.

ZEIT ONLINE: Klingt gut, aber warum braucht es ein zusätzliches Gremium? Es gibt doch schon zahlreiche internationale Städteverbände und -netzwerke, nationale wie internationale.

Barber: Das stimmt zwar, doch ihnen fehlt der politische Hebel. Die meisten Verbunde dienen nur dazu, sich über Lösungsmodelle für die großen Krisen auszutauschen. Unser Global Parliament of Mayors (GPM) aber will erfolgreiche Modelle auch weltweit durchsetzen. Es legt den Grundstein für ein globales Gebäude aus Städtenetzwerken. Und es wird ihnen eine starke, gemeinschaftliche Stimme verleihen.

ZEIT ONLINE: Städte reden doch oft schon mit. In den Klimaverhandlungen der Vereinten Nationen zum Beispiel sind Zusammenschlüsse wie das Nachhaltigkeitsnetzwerk der Städte ICLEI stark präsent.

Barber: Präsent vielleicht. Von den eigentlichen Verhandlungen bleiben die Städte jedoch ausgeschlossen. Da gilt: zuhören ja – mitreden und mit entscheiden nein. Kein Wunder, dass beim Klimaschutzabkommen so ein schwaches Ergebnis herausgekommen ist. Es gibt nur Selbstverpflichtungen und keine global verbindlichen Regeln, sie durchzusetzen. Wenn Donald Trump gewählt wird, dann fallen die USA schon mal raus.

ZEIT ONLINE: Was macht Sie so sicher, dass eine größere Beteiligung der Städte das Ergebnis verbessert hätte?

Barber: Städte sind viel motivierter, denn sie sind die ersten Opfer des Klimawandels. Rund 90 Prozent der Städte liegen entweder am Meer oder an einem See oder einem Fluss. Denken Sie an New Orleans, New York, Mumbai, Den Haag … Nationale Politiker scheinen die Klimagefahren immer wieder beiseite zu schieben, aber für Bürgermeister liegen sie direkt vor der Haustür. Zugleich können sie unmittelbar handeln. Wenn sie die Zahl der Autos verringern, effizienter bauen und die Energie erneuerbar machen, dann ändert sich ganz konkret etwas.