Letzte Woche platzte Justin Trudeau zum ersten Mal ganz offiziell der Kragen. Der kanadische Premierminister ist eigentlich ein umgänglicher Typ, dem nur selten unfreundliche Worte über die Lippen kommen. Doch als sein französischer Kollege Manuel Valls ihn in Ottawa besuchte, zeigte er sich erstmals verärgert über das Hin und Her der EU beim Freihandelsabkommen Ceta. "Wenn sich zeigt, dass Europa unfähig ist, einen fortschrittlichen Handelspakt mit einem Land wie Kanada abzuschließen, mit wem glaubt Europa dann eigentlich noch, in kommenden Jahren Geschäfte machen zu können?"

Trudeau will den Handelspakt trotz immer neuer Hindernisse in Europa noch nicht verloren geben. Seine Handelsministerin Chrystia Freeland sagte am Dienstag in Ottawa, sie sei weiter vorsichtig optimistisch, dass die EU den Pakt verabschiede. Dabei verwendete sie das Wort vorsichtig zum ersten Mal, vielleicht ein erstes Anzeichen, dass man in Kanada langsam den Glauben an die Zusagen aus Brüssel verliert, es werde schon noch gut werden mit Ceta.

Zugeständnisse für die SPD gemacht

Das Unbehagen jedenfalls steigt, auch die Ungeduld. Immer wieder hatte Kanada auf Nachbesserungswünsche aus Europa reagiert. Zuletzt stimmte Trudeau nachträglich rechtsverbindlichen Erklärungen zu, um die SPD in Deutschland für das Abkommen zu gewinnen. Im Frühjahr hatte er auf Druck der EU die umstrittenen Regeln zum Investorenschutz nachgebessert – und so gehofft, die Kritik in der EU eindämmen zu können.

Vergangene Woche schickte Trudeau noch eilig seinen Ceta-Sondergesandten Pierre Pettigrew nach Europa, den ehemaligen Außen- und Handelsminister des Landes, der sich um die Umsetzung des Abkommens kümmern soll. Pettigrew soll die Wallonen in Belgien doch noch von Ceta überzeugen, bislang allerdings mit ungewissem Ausgang. Wegen des belgischen Neins der Wallonen verschoben die EU-Handelsminister am Dienstag ihre geplante Einigung. Deshalb ist offen, ob Trudeau tatsächlich Ende des Monats nach Brüssel reist, um den Pakt feierlich zu unterzeichnen.

Für Trudeau ist der Handelspakt ungleich wichtiger als für die Europäer, schließlich ist die EU für Kanada Handelspartner Nummer zwei hinter den USA – für Europa hingegen ist Kanada nur der zwölftwichtigste Handelspartner. Kanada hofft auf rund 18.000 neue Jobs und den Zugang zu öffentlichen Aufträgen in Europa. Nach Schätzungen aus Brüssel soll der rund 80 Milliarden Euro starke bilaterale Handel durch Ceta um fast ein Viertel steigen.

In Kanada ist Ceta deswegen längst nicht so umstritten wie in Europa. Zwei Drittel der 35 Millionen Kanadier befürworten den Freihandel, auch die zwei größten Parteien im Parlament. Ähnlich wie deutsche Gewerkschaften melden sich auch in Kanada regierungskritische Organisationen und Gewerkschaften mit Bedenken zu Wort – werden aber öffentlich kaum wahrgenommen. Die Zustimmung des kanadischen Parlaments gilt als Formsache. Auch die kanadische Wirtschaft steht dahinter.

Doch nun stellen sich die Kanadier zunehmend die Frage, welchen Wert die EU noch hat. Was eigentlich sei der Sinn der Organisation, wenn es ihr nicht mehr gelinge, einen relativ kleinen Handelspakt mit einem sozialdemokratisch und EU-freundlich geprägten Land wie Kanada zu verabschieden, fragte ein Offizieller in Ottawa. Medien sehen die Hängepartie oftmals weniger als Ablehnung von Ceta an sich, denn als Zeichen der Identitätskrise der EU seit dem britischen Brexit-Votum und der Diskussion um die richtige Flüchtlingspolitik. Der alte Kontinent wird als verunsichert wahrgenommen.

Premierminister Trudeau drückte es letzte Woche so aus: Die EU müsse nun beweisen, wozu sie in diesen Zeiten eigentlich noch gut sei. Sollte Europa den Pakt blockieren, werde davon die Botschaft an die Welt ausgehen, dass Europa mit sich selbst beschäftigt sei und einen Weg wähle, der nicht mehr sehr produktiv sei. "Und das wäre sehr schlimm."