Jetzt ist also wieder Europa in Gefahr. Das wallonische Regionalparlament hat die Unterzeichnung des Ceta-Abkommens um einige Tage verzögert, und die Politiker in Brüssel reagieren genervt. Wenn die EU noch nicht einmal ein Freihandelsabkommen mit dem freundlichen Kanada abschließen kann, was kann dieser Staatenbund dann überhaupt noch? Ist er unfähig, die Globalisierung mitzugestalten? Kann er die Interessen der europäischen Bürger noch vertreten? Und was hat er für einen Sinn, wenn er es nicht kann?

Die Attacke der Wallonen ist abgewehrt, aber in der Ratifizierungsphase werden weitere Volksvertreter versuchen, das Abkommen zu kippen. Vielleicht werden sogar Volksentscheide notwendig sein. Der Ausgang ist ungewiss.

Richtig ist: Der freie Handel liegt in den Genen der Europäischen Union. Er hat Wohlstand ermöglicht und dem Kontinent die Anziehungskraft verliehen, die er heute ausstrahlt. Heute fragt man sich: Warum war früher möglich, was heute so schwer ist?

Der Grund dafür ist nicht so sehr der Inhalt des Abkommens, sondern die Methode. Ceta ist ein Konvolut, das Vereinbarungen zusammenbringt, die man auch getrennt hätte verhandeln können: den Abbau von Zöllen, das Angleichen von Standards, die Öffnung von Ausschreibungen für ausländische Investitionen, den Schutz ausländischer Investitionen.

Dabei lassen sich Zölle auch abbauen, ohne Schiedsgerichte zu schaffen. Ausschreibungen lassen sich öffnen, auch wenn ein kanadischer Schraubenschlüssel nicht auf eine bulgarische Schraube passt.

Sowohl für die Europäer wie auch für die Kanadier war es ein geringerer Aufwand, diese Themen zusammenzuschnüren. Ein großer Verhandlungsprozess, eine Unterzeichnung, eine Runde der Ratifizierung.

Aber der geringe Aufwand bedeutet eben auch einen unzureichenden demokratischen Prozess. Anstatt über vier Abkommen abstimmen zu können, konnten die Wallonen nur über eines entscheiden. Sie hatten zum Beispiel nicht die Wahl, ihren Arbeitsschutz mit dem der Kanadier abzugleichen, gleichzeitig aber ihren Agrarsektor zu schützen. Jeder weitere Abgeordnete und jeder weitere Bürger, der zu Ceta befragt wird, muss sich entscheiden: Alles oder nichts.

Sieben Jahre hat der Verhandlungsprozess gedauert. Kein Wissenschaftler kann die Gesamtwirkung des Projekts seriös abschätzen. Kein Journalist kann den Text noch verständlich zusammenfassen. Kein Politiker kann wirklich beurteilen, ob es den Menschen, die er vertritt, mit diesem Vertrag besser oder schlechter geht.

Käme die Bundesregierung auf die Idee, dem Bundestag alle Gesetze einer Legislaturperiode zusammengeschnürt vorzulegen, er würde das Paket aus diesen Gründen hoffentlich ablehnen. Was es enthält, wäre dabei schon fast egal.

Es ginge auch anders. Die Freihandelszone namens Europäische Union wurde nicht über Nacht das, was sie heute ist. Sie war einmal eine Zollunion für sechs Staaten und zwei Güter: Kohle und Stahl. Bis zu ihrem heutigen Zustand gab es sieben Erweiterungs- und ungezählte Vertiefungsschritte. Viele Schritte wurden nicht gegangen. Die EU nahm die Türkei nicht auf, und sie lehnte einen einheitlichen Verfassungsvertrag ab. Es hat sie nicht zerstört.

Bei Ceta wird nun darüber diskutiert, ob es falsch war, es zu einem "gemischten Abkommen" zu erklären. Würde Ceta einige Bereiche wie den Arbeitsschutz und den Investitionsschutz, zu dem auch die Schiedsgerichte gehören, nicht enthalten, wäre es ein reines Handelsabkommen. Dann könnte es die EU gegen den Widerstand einzelner Staaten verabschieden. Denn die Zuständigkeit für den Handel haben die Mitgliedstaaten längst nach Brüssel verlagert.

Was manchmal wie eine juristische Spitzfindigkeit klingt, zeigt den methodischen Fehler des Projekts: Hätte die EU nicht versucht, die ganze Treppe auf einmal hochzuspringen, hätte sie die meisten Stufen längst nehmen können. Für die weiteren Stufen würde sie Debatten in den Mitgliedstaaten anstoßen. Wissenschaftler würden die Auswirkungen jeder einzelnen Stufe abschätzen, Journalisten würden erklären, worum es geht und Politiker würden beurteilen, ob es das Richtige für ihre Wähler ist.

Einiges würde verändert werden, anderes würde scheitern. Aber niemand müsste deswegen Europa in Gefahr sehen. Das, was Europa derzeit angeblich in Gefahr bringt, ist kein Überschuss an Demokratie, sondern ein Mangel an ebendieser.