Wie schlimm sind die wirtschaftlichen Folgen des Votums für den Brexit? Womöglich fallen sie weniger schlimm aus als gedacht. Die ersten Wachstumszahlen jedenfalls sind besser als erwartet: Am Donnerstag gab das Nationale Statistikamt bekannt, dass das Bruttoinlandsprodukt in Großbritannien zwischen Juli und September um 0,5 Prozent gewachsen sei. Das ist zwar weniger als im Quartal zuvor, doch Ökonomen hatten eine noch geringere Quote vorhergesagt.

Und es gibt weitere gute Nachrichten. Nissan hat gerade erklärt, in Zukunft zwei weitere Modelle in seinem Werk im nordenglischen Sunderland bauen zu wollen. Es ist die erste große Entscheidung innerhalb der britischen Autoindustrie seit dem EU-Referendum, und sie sichert rund 7.000 Arbeitsplätze. Interessant ist sie darüber hinaus, weil ein Großteil der in Sunderland hergestellten Autos auf das europäische Festland exportiert wird.

Nissan entschied sich für den Standort, nachdem Konzernchef Carlos Ghosn die Premierministerin Theresa May getroffen hatte. Es heißt, im Gespräch habe May zugesichert, den Konzern vor möglichen Verlusten infolge des Brexits zu schützen. Direkte finanzielle Zusagen hat es Nissan zufolge nicht gegeben.

Erst kürzlich hatte das Unternehmen noch damit gedroht, weitere Investitionen auf Eis zu legen, solange Unklarheit über die Zeit nach dem Brexit herrscht. Auch die japanische Regierung hatte in ungewöhnlich klaren Worten vor möglichen Konsequenzen der britischen Austrittsentscheidung gewarnt. Anfang September schrieb sie in einem überraschend drastisch formulierten offenen Brief: "Beinahe die Hälfte der japanischen Direktinvestitionen innerhalb der EU sind 2015 nach Großbritannien geflossen. (…) Wir ersuchen das Vereinigte Königreich nachdrücklich, (...) in einer verantwortungsvollen Weise zu reagieren, um schädliche Auswirkungen auf diese Unternehmen zu minimieren." 

Die Premierministerin ist erleichtert

Japanische Banken könnten gezwungen sein, ihre Standorte aus Großbritannien in die EU zu verlegen, heißt es in dem Schreiben weiter. Mehr noch: Tokio forderte London dazu auf, die Zuwanderung nicht zu begrenzen, sondern weiter zu vereinfachen.

Man konnte der Premierministerin ihre Erleichterung ansehen, als sie am Donnerstag erklärte, die Entscheidung Nissans für den Standort Sunderland sei "eine Anerkennung dessen, dass sich die Regierung dazu verschrieben hat, die richtigen Bedingungen für die Automobilindustrie zu schaffen und zu unterstützen, damit diese weiter wachsen kann — jetzt und in Zukunft."

Brexit-Unterstützer nutzten die guten Nachrichten, um ihren Standpunkt zu unterstreichen, die Warnungen vor einem wirtschaftlichen Einbruch infolge des Leave-Votums seien reine Angstmacherei gewesen. Zu ihnen gehört das rechte Revolverblatt Daily Express, das schrieb: "Die Wirtschaft WÄCHST um 0,5 Prozent Post-Brexit, was beweist, dass die Schwarzmaler FALSCH lagen" — mit Versalien auch im Original. Die Gruppe Economists For Brexit war etwas zurückhaltender. Sie forderte die Regierung auf, zuzugeben, dass ihre kurz- wie langfristigen Vorhersagen zu den Folgen eines Brexit falsch seien.

Doch die wirtschaftliche Unsicherheit bleibt. Gewachsen ist im vergangenen Quartal vor allem der Dienstleistungssektor. Die Leistung von Landwirtschaft, Industrie und Baugewerbe aber sind eingebrochen. Zahlreiche Ökonomen warnen, dass sich die Folgen eines EU-Austritts zeitversetzt bemerkbar machen dürften — insbesondere, wenn London den Zugang zum europäischen Binnenmarkt verlieren sollte. Ob es so kommt, ist noch nicht ausgemacht. Doch angesichts der bevorstehenden Verhandlungen über den EU-Austritt warnte auch Schatzkanzler Philip Hammond vor einer "Periode der Unsicherheit".

Mays Rede vor Goldman Sachs

Für Theresa May bedeuten die Positivmeldungen dennoch eine Erleichterung, denn sie lenken von der heftigen Kritik der vergangenen Tage ab. Der Guardian berichtete Anfang der Woche von einem heimlichen Mitschnitt einer Rede, die May einen Monat vor dem EU-Referendum im Juni vor Bankern der Investmentbank Goldman Sachs gegeben hat. Damals legte sie großen Wert darauf, ihren Zuhörern klar zu machen, wie wichtig die EU-Mitgliedschaft für Großbritannien sei.

"Ich denke, die wirtschaftlichen Argumente sind klar. Teil eines 500-Millionen-Handelsblocks zu sein, ist bedeutsam für uns", sagte May. Viele Firmen investierten nur in Großbritannien, weil das Land Teil der EU sei. Sie hoffe, fügte sie hinzu, die Wählerinnen und Wähler würde "in die Zukunft blicken anstatt in die Vergangenheit."

Die Regierung stellt sich auf harte Verhandlungen ein

Das steht in krassem Widerspruch zu dem Brexit-Kurs, den sie seitdem eingeschlagen hat. Auf dem Parteitag der Tories Anfang des Monats kündigte die Premierministerin einen drastischeren Bruch mit der EU an, als viele Beobachter erwartet hatten. Sie stellte Einschränkungen bei der Einwanderung über die Mitgliedschaft im europäischen Binnenmarkt.

Nach dem Bericht des Guardian kritisierte vor allem die Labour-Führung Mays Doppelspiel. "Es sollte nicht einer geleakten Aufnahme bedürfen, damit die Öffentlichkeit herausfindet, was sie (May) wirklich denkt", sagte Parteichef Jeremy Corbyn. Mit Goldman Sachs habe May ihre privaten Ansichten geteilt — und weigere sich jetzt, ihre genauen Pläne für den EU-Austritt offenzulegen. Corbyns Vorgänger Ed Miliband erklärte, die Enthüllung zeige, "dass die Premierministerin im Privaten genauso in Sorge war, wie wir es alle öffentlich sind, wenn es um die wirtschaftlichen Folgen des harten, destruktiven Brexit geht, auf den ihre Regierung erpicht zu sein scheint."

Kritik kam aber auch von den Liberaldemokraten, den schottischen Nationalisten und selbst von einigen Abgeordneten aus Mays konservativer Partei.

Die Regierung will hart verhandeln

Doch bei aller Unsicherheit: Offenbar stellt sich die Regierung auf harte Verhandlungen mit der EU ein. Das legt ein Bericht der Sunday Times nahe. Der Zeitung zufolge plant die Regierung, mit einer drastischen Senkung der Unternehmenssteuer zu drohen, falls die Austrittsgespräche sich schwierig gestalten. Sollte die EU Großbritannien etwa mit einem Entzug des "Passportings" drohen, das es Banken ermöglicht, von London aus innerhalb der gesamten EU Geschäfte zu machen, könnte die britische Regierung im Gegenzug die Unternehmensteuer von 20 auf 10 Prozent senken.

Führende Köpfe innerhalb der Regierung glaubten, dass Großbritannien so trotz eines Bruchs mit der EU weiter Unternehmen ins Land holen könnte, berichtet die Zeitung. Schon jetzt habe Großbritannien einen der niedrigsten Unternehmenssteuersätze in der EU. "Die Leute sagen, wir hätten keine Karten in der Hand. Wir haben einige recht gute Karten, die wir spielen könnten, wenn sie anfangen, uns Schwierigkeiten zu machen", zitiert die Sunday Times eine namentlich nicht genannte Quelle.

Ökonom für den Brexit

Steve Keen von der Kingston University in London ist einer der wenigen Ökonomen, die sich im Vorfeld des Referendums für einen Brexit ausgesprochen haben. Er kritisiert die aggressive Position, die führende Köpfe innerhalb der EU aus seiner Sicht bereits jetzt gegenüber Großbritannien eingenommen haben. "Der Brexit ist die Folge eines fehlerhaften wirtschaftlichen Systems. Der Euro und der Vertrag von Maastricht haben ein komplett fehlerhaftes System erzeugt", sagt Keen. Die EU versuche nun, das Unhaltbare zu verteidigen: "Und das tut sie, indem sie eine zweite Berliner Mauer errichtet. Indem sie sagt, jedes Land, das die EU verlässt, muss bestraft werden, damit nicht andere Länder angeregt werden, die EU ebenfalls zu verlassen."

Großbritanniens Wirtschaft habe durchaus gute Chancen, außerhalb des europäischen Binnenmarktes erfolgreich zu sein, glaubt Keen. "Großbritannien betreibt ja schon jetzt zu einem gewissen Grad Handel mit dem Rest der Welt." Die Abwertung des Pfundes, dessen Kurs seit dem Referendum gefallen ist, könne helfen, das auszubauen. "Die Regierung wird aber eine stärkere Industriepolitik betreiben müssen. Sie verlässt sich derzeit zu stark auf den Finanzsektor."