Vor unseren Augen vollzieht sich eine neue Völkerwanderung, die den ganzen Planeten erfasst. Die ganze Menschheit migriert – von Haus zu Haus, vom Land in die Stadt, vom Dorf in die Metropole, vom Heimatland zum Nachbarstaat, von Kontinent zu Kontinent. Aus der Kultur der Sesshaftigkeit ist eine Zivilisation der Bewegung geworden.

Diese Bewegung verläuft widersprüchlich, komplex und chaotisch. Aber die grobe Richtung ist unverkennbar. Es geht in die Stadt. So wie im England des 19. Jahrhunderts das Verhältnis von der Land- zur Stadtbevölkerung auf den Kopf gestellt wurde, so wird es im 21. Jahrhundert wohl auf der ganzen Welt geschehen. Ende des Jahrhunderts werden schätzungsweise 75 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Legt man die demografischen Projektionen der Vereinten Nationen zugrunde, wären das etwa sieben Milliarden Menschen!

Sieben Milliarden Stadtbewohner. Wie soll man sich das vorstellen? Leben sie zusammengepfercht in ein paar Hundert Megacitys, wie in Tokio oder gar in Lagos? Verteilt auf 80.000 Mittelstädte mit jeweils etwa 100.000 Einwohnern? Oder, viel wahrscheinlicher, zerstreut über Urbanisationen aller Größenordnungen, zumeist wohl Konglomerate aus gewachsenen Kernen, geplanten Ergänzungsquartieren und informellen Siedlungen wie Slums oder Flüchtlingslagern an den Rändern? 

Wie auch immer der globale Flickenteppich schließlich aussehen wird: Die Wucht der Veränderungen ist beispiellos. Die Urbanisierung des 21. Jahrhunderts wird unsere Zivilisation verwandeln, zumal sich die große Wanderung der Menschheit unter denkbar schwierigen Bedingungen vollzieht. Darüber, wie man den Prozess am besten steuern kann, berät von diesem Montag an in Quito die dritte Gipfelkonferenz des Programms der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen (UN-Habitat).

Die Umwelt wird lebensfeindlicher

Die globale Umwelt – die Lebensgrundlage aller Kulturen – verändert sich ebenso rasant und dramatisch wie das globale Siedlungsmuster. Arten verschwinden, Wasser wird knapp, Böden erodieren an unzähligen Orten, und über allem schwebt die existenzielle Bedrohung des menschengemachten Klimawandels.

Wenn wir unsere Wirtschaftsweise nicht ändern, dürfte sich die planetarische Mitteltemperatur bis zum Jahr 2100 um etwa vier Grad Celsius erhöhen. Damit würde die Menschheit den ökologischen Korridor weit hinter sich lassen, in dem Ackerbau und Viehzucht entstehen konnten.

Die Städte der Welt sind auf doppelte Weise mit dem Klimawandel verknüpft. Schon heute, zu Beginn der großen Urbanisierung, sind die größeren Siedlungen für etwa 70 Prozent aller Treibhausgasemissionen verantwortlich – was bedeutet, dass der Kampf gegen die Erderwärmung nur in den Städten gewonnen werden kann. Zugleich müssen die Städte die unvermeidbaren Folgen des Klimawandels bewältigen – was schwerer sein wird, als sich die allermeisten Entscheidungsträger heute vorstellen können. 

Selbst die Anpassung der urbanen Welt an eine um knapp zwei Grad erwärmte Umwelt – vorausgesetzt, es wird nicht mehr – ist eine planetarische, technische, ökologische, soziale und kulturelle Herausforderung ersten Ranges. Insbesondere, weil die aktuelle Verstädterung hauptsächlich an den Küsten, in ariden Gebieten und an Berghängen empor geschieht. Es sind genau die Gegenden, in denen Menschen und Sachwerte durch den Klimawandel am stärksten verwundbar sind.

Zusammengenommen heißt das: Der ganze Planet bewegt sich hin zu größeren Risiken. Lässt sich der Trend noch umkehren? Und wenn ja, wodurch?

Klimaschutz - "Die Erde wird wärmer und der Mensch ist daran schuld" Hans Joachim Schellnhuber ist Direktor des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung. Am Rande einer ZEIT-Konferenz sagte er, Klimaschutz sei die stärkste Bekämpfung von Fluchtursachen. © Foto: Die ZEIT