Die Zeit drängt. Am doppelten Trend von Urbanisierung und Klimawandel könnte der soziale und zwischenstaatliche Frieden zerbrechen, der seit dem Zweiten Weltkrieg in vielen Regionen der Erde herrscht. Die Probleme sind gewaltig: Wenn etwa zusätzliche Quartiere für drei Milliarden Menschen nach dem Muster der Vergangenheit aus Blech, Stahl, Glas und Kunststoffen errichtet würden, dann wäre das Treibhausgasbudget schon zur Hälfte verbraucht, das unserer Zivilisation gemäß dem Pariser Klimavertrag noch zur Verfügung steht. Und sollten sich die gegenwärtigen Trends fortsetzen, werden sich im Laufe dieses Jahrhunderts weitere ein bis zwei Milliarden Menschen in informellen Siedlungen niederlassen, wo die Klimarisiken durch Hitzewellen, Stürme, Überflutungen und Seuchen besonders hoch sind. 

Menschenwürdige und nachhaltige Städte können nur entstehen, wenn die Siedlung im 21. Jahrhundert anders konzipiert, errichtet, betrieben und regiert wird als in den Jahrhunderten zuvor. Die urbanen Kommunikations-, Mobilitäts- und Energiesysteme müssen treibhausgasneutral werden; die bereits existierenden urbanen Infrastrukturen müssen klima- und ressourcenverträglich umgebaut werden.

Die größte Infrastrukturrevolution in der Geschichte der Menschheit steht an. Urbanisierung muss deshalb zu einem zentralen Thema der Weltpolitik und der internationalen Kooperation werden. Leider sind wir davon heute weit entfernt. Aber die Zukunft der Städte gehört ganz oben auf die Agenden der Vereinten Nationen, der Entwicklungsbanken, der G7, der G20, der bilateralen Zusammenarbeit. Geschieht dies nicht, dann werden die Wege zur Erreichung der hehren 2030-Ziele im wahrsten Sinne des Wortes verbaut.

Teilhabe, Ökologie, Vielfalt

Zugleich werden die Entscheidungen, die man jetzt trifft, lange wirken. Die Maßnahmen und Investitionen der kommenden 30 Jahre schaffen Realitäten für die kommenden ein bis zwei Jahrhunderte. Von ihnen hängt ab, ob eine bessere Entwicklung gelingt.

Die Nachhaltigkeitsziele für 2030 sollten auch für die künftige Stadtentwicklung Maßstab sein. Das heißt:
1. Menschenorientierte Städte können nur entstehen, wenn die soziale, ökonomische und politische Teilhabe der Bürger gewährleistet wird. Der urbane Raum gehört den Menschen, die dort leben.

2. Stadtentwicklung kann weltweit nur gelingen, wenn die Grenzen des Erdsystems und seiner Ökosysteme beachtet werden. Bis spätestens 2070 müssen alle Siedlungen die benötigten Ressourcen in weitgehend geschlossenen Kreisläufen führen oder auf komplett erneuerbare Quellen zugreifen.

3. Urbane Wohlfahrt hängt zudem von der Eigenart, dem spezifischen Charakter der Städte ab: Historisch gewachsene Urbanität schafft Identität; öffentliche Plätze und Räume ermöglichen Austausch und Gemeinschaft; Architektur kann Schönheit, Offenheit, Menschenfreundlichkeit anstelle von Abschottung und Exklusion ausdrücken.

Damit all dies gelingen kann, müssen die Städte, im subsidiären Zusammenspiel mit den Nationalstaaten, künftig mit weitgehenden politischen, finanziellen und institutionellen Kapazitäten ausgestattet werden. Eine Konzentration der Ressourcen auf einige wenige Megastädte ist zu vermeiden – wuchernde Agglomerationen sollten nicht die Zukunft urbaner Entwicklung sein. Polyzentrische Strukturen hingegen verbessern die Lebensqualität.

Stärkere Städte könnten in globalen Netzwerken mehr Einfluss entfalten. Sie könnten sogar nationalstaatlichen Stillstand oder zwischenstaatliche Verwerfungen überwinden, und sie könnten die Interessen und Probleme ihrer Bürger unmittelbarer wahrnehmen und direkter für sie eintreten als die Nationalstaaten. So könnten polyzentrische Strukturen nicht nur unsere Siedlungen prägen, sondern auch die Weltpolitik des 21. Jahrhunderts. Ob uns der Umbau gelingt entscheidet über die Zukunftsaussichten der menschlichen Zivilisation.