ZEIT ONLINE: Herr Fratzscher, wem nützt das neue Rentenkonzept der Bundesregierung?

Marcel Fratzscher:
Das Rentenkonzept ist eine große Augenwischerei. Es steht für eine gewaltige Umverteilung auf die Älteren zulasten der jungen Menschen, der Kinder und der noch Ungeborenen – eine Generation, die sich nicht dagegen wehren kann. Das Konzept fußt darauf, dass der Staat immer mehr Steuergeld zubuttert, etwa in Form des neu vorgesehenen Demografiezuschusses, um ein weiteres Absinken des Rentenniveaus zu verhindern. Das wird aber bei Weitem nicht reichen, um bis 2045 ein Rentenniveau von mindestens 46 Prozent des Durchschnittseinkommens zu halten und den Rentenversicherungsbeitrag bis 2045 nicht über 25 Prozent steigen zu lassen.

ZEIT ONLINE: Womit müssen die heute jungen Menschen rechnen?

Fratzscher: Wenn die Bundesregierung diese beiden Linien halten will, wird entweder das Renteneintrittsalter langfristig stark steigen oder es wird Steuererhöhungen geben. Allein über ein höheres Wirtschaftswachstum und damit steigende Steuereinnahmen ist das nicht zu finanzieren.

ZEIT ONLINE: Nahles will mehr Frauen und Ältere in Jobs bringen. Könnte das helfen?

Fratzscher: Da liegt in der Tat ein riesiges ungehobenes Potenzial. Die Frauenerwerbsquote ist zwar auf 70 Prozent gestiegen, aber zu viele arbeiten nur in Teilzeit, ihnen werden Arbeitsmarktchancen genommen. Das Problem: Es fehlt immer noch an Ganztagsschulen und ausreichend guter Kinderbetreuung. Hier hat sich in den vergangenen Jahren zwar einiges getan, aber wir brauchen einen weiteren Quantensprung in den kommenden Jahren.

ZEIT ONLINE: Gibt es überhaupt etwas Gutes an Nahles' Plänen?

Fratzscher: Mit der Solidar- beziehungsweise Lebensleistungsrente, die auch Geringverdienern ein Leben über dem Grundsicherungsniveau ermöglichen soll, liegt der Vorschlag richtig. Das ist zielgenau und hilft wirklich den Menschen, die sich einbringen und Hilfe benötigen. Auch die Stärkung der betrieblichen Vorsorge, die Ost-West-Angleichung und der flexiblere Renteneintritt sind richtig und wichtig.

ZEIT ONLINE: Was könnte Nahles besser machen, um Altersarmut zu verhindern und Lebensstandard im Alter zu sichern?

Fratzscher: Notwendig ist eine viel zielgenauere Rentenpolitik, die auf die Menschen ausgerichtet ist, die wirklich darauf angewiesen sind. Richtig wäre, das Äquivalenzprinzip aufzuheben oder zumindest fair anzuwenden. Denn durch die viel geringere Lebenserwartung beziehen Geringverdiener meist viel weniger an Leistungen. Zudem könnten die genannten Haltelinien nicht für alle, sondern nur für Menschen mit geringem Einkommen gelten. Wenn auch alle Besserverdiener, die noch privat vorsorgen konnten, davon profitieren sollen, wird das Ganze unbezahlbar.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielt künftig die private Vorsorge?

Fratzscher: Die Regierung sollte sie stärken und gerade die Anreize für Geringverdiener erhöhen, auch einen Vertrag abzuschließen. Von den dreieinhalb Milliarden Euro Riester-Rente pro Jahr geht mehr als ein Drittel an reiche Menschen, kaum zehn Prozent an Geringverdiener. Auch das ist eine Umverteilung von unten nach oben.

ZEIT ONLINE: Gibt es bei diesem Rentenkonzept ein politisches Kalkül der Regierung im Hinblick auf Wähler- und Altersgruppen?

Fratzscher: Die Regierung lässt die goldenen Jahre der wirtschaftlichen und finanziellen Überschüsse ungenutzt, um Politik zu machen. Sie verschleudert Geld, das sie nicht hat, als Wahlgeschenke. Dieses Rentenkonzept ist ein Stimmenkauf, es ist der Einstieg in den Bundestagswahlkampf. Das Konzept hilft nicht den Menschen, die Hilfe benötigen. Es wird weder das Problem der Altersarmut lösen noch den Lebensstandard im Alter sichern.

Alterssicherung - Nahles will Rentenniveau bei 46 Prozent halten Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles will mithilfe weiterer Steuerzuschüsse ab dem Jahr 2030 ein Absinken des Rentenniveaus verhindern. © Foto: Kay Nietfeld/dpa