Der finnische Nobelpreisökonom und Wirtschaftswissenschaftler Bengt Holmström hat die Struktur der Europäischen Union harsch kritisiert und radikale Reformen gefordert. "Man sollte die ganze EU überdenken und neu starten", sagte er der Süddeutschen Zeitung. "Vergesst den Ehrgeiz, alles zu regulieren. Konzentriert Euch auf das Wesentliche." Wesentlich wäre etwa eine gemeinsame Verteidigungspolitik angesichts der neuen Bedrohung durch Russland, sagte der diesjährige Nobelpreisträger.

"Wenn Sie einen schlechten Vertrag sehen wollen, schauen Sie sich die EU an", sagte der in den USA lehrende Wissenschaftler, der für seine Arbeiten zur Vertragstheorie ausgezeichnet wurde. Europa habe keinen Plan dafür gehabt, dass ein Mitglied wie Großbritannien den Club verlasse. "Das war sehr naiv."

Holmström schlägt unter anderem ein Ende des Vetorechts innerhalb der EU vor und führt dazu das Beispiel des Handelsabkommens Ceta der EU mit Kanada an. So hätte die belgische Region Wallonie fast den Vertrag für 500 Millionen Europäer gekippt. "Wenn jeder ein Veto hat, wird das Ganze sinnlos." 

"Krieg schien mir immer unwahrscheinlich"

In der Sicherheitspolitik habe sich die EU außerdem viel zu lange auf die Vereinigten Staaten verlassen: "Ich warte schon lange darauf, dass die USA nicht mehr für andere Regionen wie Europa bezahlen wollen." Ohnehin fehle der Europäischen Union ein klares Ziel. "Es hieß immer, das Ziel ist nie wieder Krieg. Vielleicht bin ich zu jung, aber ein neuer Krieg schien mir immer unwahrscheinlich", sagte der 67-Jährige.

Wirtschaftspolitisch sei die EU – ebenso wie die USA – nicht auf die Wirtschaftskrise vorbereitet gewesen. Von einer korrumpierten Finanzwelt oder krimineller Energie im Falle der Hypothekenkrise will Holmström allerdings nicht sprechen. "Nun gut, es gibt immer Kriminelle, das ist Teil der menschlichen Natur", sagte er. "Wenn einer Chef der Deutschen Bank wird, denkt er ja nicht: Was für eine großartige Gelegenheit, Geld zu missbrauchen. Er fragt sich: Wie kann ich einen guten Job machen?"