ZEIT ONLINE: Herr Papaconstantinou, wie beurteilen Sie die Lage in Griechenland?

Giorgos Papaconstantinou: Ich bin sehr besorgt. Wir laufen zwar nicht Gefahr, noch einmal zu kollabieren, aber wir könnten in der Ecke verrotten. Im Ausland nimmt man vor allem wahr, dass das dritte Reformprogramm umgesetzt wird, und man ist damit zufrieden. Ich bin es nicht, weil die Regierung nicht wesentlich mehr unternimmt, als die Maßnahmen abzuhaken, die man von ihr verlangt. Das Land braucht einen großen Wachstumssprung nach vorne, aber das wird nicht passieren, solange es keine tiefen institutionelle Reformen und nicht mehr Offenheit für ausländische Investitionen gibt.

ZEIT ONLINE: Sie fordern also, dass die Regierung von Premier Alexis Tsipras mehr um ausländische Investoren wirbt?

Papaconstantinou: Sie könnte vor allem die Liberalisierung der Warenmärkte vorantreiben, den öffentlichen Dienst reformieren, aber auch inländische und ausländische Investitionen erleichtern. All das geschieht aber nicht. Selbst bei den laufenden Privatisierungsvorhaben werden an die Investoren gemischte Signale ausgesendet, die sie verunsichern. Die Regierung unterschreibt Privatisierungsverträge und zieht hinterher neue Hürden ein. Für neue Interessenten ist das abschreckend, dabei warten die Leute nur darauf, dass sich die Bedingungen verbessern.

ZEIT ONLINE: Das heißt, Sie sehen für die Menschen im Land keinerlei Verbesserung seit der Regierungsübernahme von Tsipras im Januar 2015?

Papaconstantinou: Ende des Jahres 2014 zeigte die Wirtschaft Anzeichen von Leben. Verglichen dazu laufen die Dinge jetzt schlecht. Vergleicht man es aber mit dem Sommer letzten Jahres, geht es dem Land nun besser. Damals standen wir aber auch am Abgrund und sind nur den letzten Schritt nicht gegangen. Das einzig Positive ist, dass in den vergangenen eineinhalb Jahren die Menschen einen Realitätsabgleich mit der Linkspartei Syriza bekommen haben. Es gab ja die Vorstellung, dass ein vollkommen anderer Weg möglich sei.

ZEIT ONLINE: Tsipras und seine Regierung haben sich aber inzwischen komplett auf die von den internationalen Geldgebern verlangten Reformen eingelassen.

Papaconstantinou: Im Reformprogramm sind ja auch fortschrittliche Punkte verankert. Die Reform des Rentensystems beispielsweise ist absolut lebensnotwendig, auch einige Privatisierungen machen Fortschritte. Das Problem ist aber, dass diese Regierung noch viel weniger an diese Reformen glaubt als ihre Vorgänger. Und damit haben gerade ausländische Investoren ihre Schwierigkeiten. Ohne Investitionen von außen kann es aber kein neues Wirtschaftswachstum geben, denn der Binnenkonsum liegt am Boden und die griechischen Banken können inländischen Investoren kaum Liquidität bieten.