Worüber sollten zwei ökologische Vordenker aus zwei unterschiedlichen Generationen streiten? Beide sind Wachstumskritiker, beide bekämpfen die Ressourcenknappheit und den Klimawandel. Aber wie gelingt das – mit grünem Wachstum? Oder nur mit Schrumpfen? Da beginnt die Kontroverse.

Erdhard Eppler, Sozialdemokrat, wird Anfang Dezember 90. Als Entwicklungsminister, Atomkraftgegner und Friedenspolitiker erkannte er bereits in den 1970er Jahren die Dringlichkeit einer ökologischen Energiepolitik.

34 Jahre jünger: der Ökonom und Aktivist Niko Paech. In seiner Vision einer schrumpfenden Wirtschaft arbeiten Bürger künftig nur noch 20 Stunden pro Woche und versorgen sich teilweise, indem sie Lebensmittel und Produkte selbst erzeugen.

Die Diskussion beginnt bei einem Gang durch den Garten Epplers in Schwäbisch-Hall.

Eppler: Diesen Apfelbaum hat noch mein Vater gepflanzt. Und schauen Sie: Dort laufen meine drei Enten… Hier arbeite ich jeden Tag drei bis vier Stunden lang. Meine Frau kocht unser selbst angebautes Gemüse, ich verzichte auf Auto und Flugzeug, nicht nur wegen meines hohen Alters. Als ich Ihr Buch Befreiung vom Überfluss las, Herr Paech, da habe ich mir gedacht: Eigentlich bin ich ja schon sehr nah dran an der Lebensform, die Ihnen für eine Postwachstumsgesellschaft vorschwebt. 

Paech: Ihre Genügsamkeit habe ich schon als junger Mensch bewundert.

Eppler: Mich fasziniert die Radikalität Ihres Wirtschaftskonzeptes – und zugleich macht sie mir erhebliche Kopfschmerzen. Aus meiner Perspektive erscheint es als völlig unrealistisch, eine solche Lebensweise in unserer Gesellschaft großflächig einzuführen.

Paech: Auch mir ist natürlich klar, dass die Postwachstumsökonomie nur Schritt für Schritt vorankommt. Aber Sie als Politiker denken an Mehrheiten, Gesetze, Regularien, politische Gestaltung. Ich hingegen sehe auch unterhalb dieser Ebene wirkungsvolle Möglichkeiten der gesellschaftlichen Veränderung. Der Wandel, den ich für notwendig halte, ist ja schon im Werden: in autonomen Bewegungen, kleinen Reallaboren und sozialen Projekten von Menschen, die gegen den Strom schwimmen.

ZEIT ONLINE: Zur Mitte der nuller Jahre resultierte die Entfesselung der Märkte, die sie beide beklagen, in den globalen Krisen. Erst in der Nahrungspreiskrise 2006/07, dann in der Finanzkrise 2007/08 …

Eppler: Die Bankenkrise widerlegte endgültig und exemplarisch die Behauptung, dass sich der Markt am besten selbst zu steuern vermag. Seither versucht Mario Draghi als Chef der Europäischen Zentralbank, die Wachstumsmaschine wieder in Schwung zu bringen. Was da passiert, ist ja für mich alten Mann eine völlig undenkbare, ja revolutionäre Sache! Nie in meinem langen Leben hätte ich es für möglich gehalten, dass man einfach immer mehr Geld in den Markt pumpen kann. Und jetzt gehen sie alle am Stock: die Bausparkassen, die Kreissparkassen, viele Banken, Renten- und Lebensversicherungen. Das ist der hochbrisante Hintergrund, vor dem wir Ihre Vorstellung von einer Postwachstumsökonomie derzeit diskutieren.

Paech: Sie haben vollkommen recht: Was Mario Draghi gerade mit der Zentralbank praktiziert, funktioniert nicht ewig. Die wirtschaftliche Stagnation ist keine Frage des Wollens oder Nichtwollens, sondern längst ein empirischer Befund. Aber umso mehr müssen wir doch eine Antwort auf die Frage geben, wie die Gesellschaft damit klarkommen soll!

Eppler: Ich bin mir absolut sicher, Herr Paech, auch dank meiner Erfahrung aus den siebziger Jahren, dass es niemals den Beschluss eines Parlamentes geben wird, ob in Deutschland oder anderswo, der so, wie Sie das wünschen, offiziell erklärt: Wir verzichten auf Wachstum. Aber es könnte und müsste dringend eine große Debatte darüber geben, ob diese Politik des kostenlosen Geldes ökonomisch überhaupt zu rechtfertigen ist – oder ob das, was dabei herauskommt, ein viel größerer Schaden ist, als wenn das Wirtschaftswachstum auf null zurückginge oder auf minus eineinhalb.

ZEIT ONLINE: Immerhin gibt es seit der Bankenkrise auch wieder eine große Debatte über Ökologie und Nachhaltigkeit.

Eppler: Da kamen viele Postulate aus den siebziger Jahren wieder auf. Es hat mich richtig überrascht, wie man nun das, was man selbst schon vor 40 Jahren gedacht hat, plötzlich als neue Erkenntnis vorgetragen bekam.