Von weitem sieht das Licht sehr klein aus. Aus der Luft sind nur ein paar spiegelnde Flecken in der Wüste und zwischen ihnen einen dünner Turm zu sehen. Um sie herum erstreckt sich bis zum Horizont eine rostrote Weite: Es ist die Steinwüste im Süden Marokkos. Im Vergleich zu ihr nehmen sich der Turm und die Spiegelflecken winzig aus.

Steht man aber direkt neben ihnen, fühlt man sich zwergenhaft. Die Flecken sind in Wahrheit Riesen, Pfeiler von der Höhe eines mehrstöckigen Hauses. Jeder einzelne Pfeiler trägt einen flachen, rechteckigen Schirm. Jeder dieser Schirme ist 180 Quadratmeter groß und hat damit die Fläche einer sehr üppigen Wohnung. Die Schirme sind aus Spiegeln zusammengesetzt, die Strom erzeugen. 

Noor – arabisch für Licht – heißt die Anlage in der Nähe von Ouarzazate, einem 75.000-Einwohner-Städtchen jenseits des Atlasgebirges. Irgendwann sollen hier 7.400 der Schirme stehen. Schon jetzt reicht die Reihe der Pfeiler, so weit man sehen kann. Und das ist nur ein Teil des Kraftwerks von bald vier.

Manche kennen Ouarzazate als Kulisse: Hier wurden Filme wie Lawrence von Arabien gedreht, der Medicus, Kundun und Teile der Serie Game of Thrones. In Zukunft soll Ouarzazate aber vor allem als der Ort bekannt sein, an dem das dann weltgrößte Solarkraftwerk Strom für etwa 1,3 Millionen Marokkaner erzeugt. Der Ort ist ein Symbol für die marokkanische Energiewende. Dafür gibt auch Deutschland Geld und deutsche Firmen – Siemens, BASF, Schott Solar, Flabeg – liefern einen Teil der Technik.

365 Tage Sonne

Der Standort könnte nicht besser gewählt sein. In Ouarzazate scheint die Sonne 365 Tage im Jahr, und zwar so stark wie nirgends sonst. Die Strahlungsintensität liegt bei mehr als 2.500 Kilowattstunden pro Jahr und Quadratmeter – das ist mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland. Es sind weitgehend perfekte Bedingungen für die Solarenergie. Das Paradoxe ist, dass regenerative Energien für die marokkanische Versorgung bislang kaum eine Rolle spielen. Im Moment importiert das Land sogar mehr als 90 Prozent seines Bedarfs, Benzin und Diesel eingerechnet. Der Anteil der Erneuerbaren an der marokkanischen Stromerzeugung beträgt gerade einmal 15 Prozent. Der Rest sind Kohle, Gas, Öl und Dieselgeneratoren.

Der König von Marokko will das ändern. Im Jahr 2030 soll in seinem Land mehr als die Hälfte des Stroms durch Wind, Wasser und Sonne erzeugt werden. Prinzipiell wäre noch mehr möglich: Der Wind weht in Marokko so stetig, die Sonne strahlt so stark, dass man auf diesen Wegen so viel Strom gewinnen könnte wie das Land verbraucht, sagen Experten.

In Ouarzazate kann man sich vorstellen, wie die Energiewende auf Marokkanisch aussehen könnte. Seit Januar ist Block Noor I am Netz. Hier stehen in endlosen Reihen 537.000 Parabolrinnen: gekrümmte Spiegel, die sich mit der Sonne drehen. Sie fangen ihre Wärme auf und erhitzen eine Flüssigkeit, die in einem Rohr dicht an den Spiegeln vorbeifließt. In einem Kraftwerksblock nebenan lässt die heiße Flüssigkeit Wasser verdampfen; der Dampf treibt eine Turbine an; die Turbine produziert Strom.

Der Clou: Gleich neben dem Spiegelfeld steht ein Silo mit einer speziellen Salzmischung, die Wärme speichern kann. Durch das Salz kann Ouarzazate auch abends Strom erzeugen, zwischen fünf und neun, wenn in Marokko die Sonne untergeht und der Elektrizitätsbedarf am höchsten ist. Konventionelle Photovoltaikanlagen, wie sie in Deutschland üblich sind, können das nicht.

Vom Dach der Kommandozentrale hat man einen guten Überblick über das Kraftwerk. Noor I gleich nebenan bringt eine Leistung von 160 Megawatt ans Netz. Die Parabolspiegel von Noor II werden gerade gebaut; sie sollen eine Kapazität von 200 Megawatt beisteuern. Etwas im Hintergrund ist Block Noor III sichtbar: die 7.400 Riesenschirme, die sich kreisförmig um einen 240 Meter hohen Turm gruppieren. Wie die Parabolrinnen folgen auch sie dem Lauf der Sonne. Es ist eine extrem diffizile, computergesteuerte Technik. Die Spiegel bündeln die Sonnenstrahlen und schicken sie dann auf den Turm, in dem Wärme erzeugt wird. Diese Wärme wird über einen Dampfkreislauf an eine Turbine weitergegeben oder – wie bei Noor I und II – in Spezialsalz gespeichert. Noor III kann sogar sieben Stunden nach Sonnenuntergang noch Strom produzieren.