ZEIT ONLINE: Herr Baglioni, am Wochenende entscheiden die Italiener in einem Referendum über ihr politisches System. Was hat das mit den Banken des Landes zu tun, deren Aktienkurse gerade auf und ab gehen?

Angelo Baglioni: Manche italienische Banken haben viele Kredite in ihren Büchern angehäuft, die von den Kunden entweder gar nicht oder nur noch unzureichend abbezahlt werden – also sogenannte notleidende Kredite. Das ist das Hauptproblem. Die größte dieser Banken ist die Monte dei Paschi di Siena, bei der gerade ein Rekapitalisierungplan läuft. Die Gläubiger der Bank können ihre Anleihen freiwillig gegen Aktien tauschen, also auf ihre Ansprüche aus der Schuld verzichten und im Gegenzug zu Anteilseignern werden.

Bis Freitag läuft die Frist. Wenn bis dahin nicht ausreichend viele Gläubiger tauschen, kann der Rekapitalisierungsplan nicht so weitergeführt werden wie beabsichtigt. In diesem Fall müsste der Staat einspringen, womöglich auch mit einer Beteiligung von privaten Gläubigern. Das wäre sehr unpopulär.

ZEIT ONLINE: Und wie hängt das nun mit dem Referendum zusammen?

Baglioni: Es gibt keine direkte Verbindung zwischen der politischen Situation und der Lage im Bankensektor. Manche große Medien haben diese Verbindung aber geknüpft: Also wenn es ein Nein im Referendum gäbe, würden Italiens Banken kollabieren. Dem stimme ich nicht zu. Wir könnten bei einem Nein zwar eine politische Krise bekommen, Premierminister Matteo Renzi könnte zurücktreten und es würde eine Phase der Unsicherheit folgen, auch an den Aktienmärkten. Aber die fundamentale Situation der Banken bliebe unverändert.

ZEIT ONLINE: Es wird kritisiert, dass italienische Banken den Wert ihrer notleidenden Kredite in ihren Bilanzen viel zu hoch veranschlagen.

Baglioni: Viele Banken haben diese Kreditpositionen schon neu bewertet, sie wurden auf 40 bis 45 Prozent ihres ursprünglichen Nominalwertes herabgestuft. Auch der Unterschied zwischen dem Marktwert dieser notleidenden Kredite und dem Buchwert bei den Banken ist nicht groß. Es haben vor allem mittelgroße Institute damit weiterhin Probleme, die großen Häuser dagegen wie Unicredit, Ubi Banca oder Intesa Sanpaolo haben eigene Wege gefunden, mit der Situation umzugehen, etwa indem sie diese Kredite verbriefen und weiterverkaufen.

ZEIT ONLINE: Warum sind die italienischen Banken eigentlich immer noch in dieser Lage, die Euro-Krise schien doch eingermaßen unter Kontrolle zu sein?

Baglioni: Wir erleben seit etwa sechs Jahren eine sehr schwere wirtschaftlichen Krise in Italien. Da ist es unvermeidbar, dass viele Menschen ihre Kredite nicht mehr abbezahlen können. Aber die Banken hätten das Problem viel früher angehen können. Auch die Aufsichtsbehörden haben die Lage lange ignoriert. Wenn ein Sekundärmarkt für notleidende Kredite früher aufgebaut worden wäre, gäbe es jetzt weniger Schwierigkeiten.

ZEIT ONLINE: Trotzdem lassen die Reaktionen sowohl an den Aktienmärkten als auch die steigenden Zinsen bei italienischen Staatsanleihen vermuten, dass mehr im Argen liegt. Wie sieht das Negativszenario für die Euro-Zone aus?

Kurz erklärt - Darum geht es beim Referendum in Italien Am 4. Dezember stimmen die Italiener über die weitreichendste Verfassungsreform in der Geschichte ihrer Republik ab. Das Referendum könnte auch über die politische Zukunft von Ministerpräsident Renzi entscheiden. © Foto: AFP-TV