Wie schnell soll sich Großbritannien aus der EU zurückziehen? Wenn Premierministerin Theresa May wie angekündigt bis Ende März die Austrittsverhandlungen in Gang setzt, sind eigentlich zwei Jahre angestrebt, um die Bedingungen zu verhandeln. Viel zu kurz, glaubt Bank-of-England-Chef Mark Carney: Er will offenbar dafür sorgen, dass London erst eine Übergangslösung aushandelt, bei der etwa der Zugang zum europäischen Binnenmarkt unangetastet bleiben könnte. Erst Jahre später soll dann der "harte Brexit" kommen – falls der bis dahin überhaupt noch gewünscht ist.

Einem Bericht der Sunday Times zufolge führt Carney "Geheimgespräche", um britische Banker und Industrievertreter von seinen Plänen zu überzeugen. In den vergangenen zwei Wochen habe der Zentralbankchef private Treffen und Abendessen mit führenden Wirtschaftsvertretern abgehalten und dabei seine These dargelegt, dass Großbritanniens Wirtschaft Zeit brauche, um sich an die veränderten Gegebenheiten anzupassen. "Carney weiß, dass es einen zwei- bis dreijährigen Aufschub geben muss, um Großbritannien zu erlauben, sich von den alten europäischen Regelungen an die neue Ordnung anzupassen. Sein Schlüsselbegriff ist 'Kontinuität'", sagte ein Banker der Zeitung.

Ganz so konspirativ, wie es die Sunday Times ausmacht, sind Carneys Pläne jedoch nicht. Erst kürzlich erklärte er einem Parlamentsausschuss, Unternehmen bräuchten Zeit, um sich an die regulatorischen und finanzpolitischen Standards anzupassen, die nach einem Brexit zum Tragen kämen. Die kürzeste Übergangszeit, die ihm in so einer Situation bekannt sei, seien die zwei Jahre gewesen, die es gedauert habe, bis ein Versicherungsabkommen zwischen der EU und der Schweiz in Kraft getreten sei. "Um es absolut klarzustellen", fügte Carney vor den Abgeordneten hinzu. "Was ich damit meine, ist nicht, dass ich darüber spreche, in der Europäischen Union zu bleiben." Auch die Bank of England bestritt, dass Carney an "Geheimplänen" arbeite.

"Aber ich möchte den Binnenmarkt"

Tatsächlich hat auch Theresa May erst vergangene Woche in einer Rede vor einem Industrieverband angedeutet, dass es beim Brexit nicht zu einem abrupten Bruch mit der EU kommen solle. "Die Menschen wollen mit einer gewissen Sicherheit wissen, dass die Dinge vorangehen. Das wird Teil der Arbeit hinsichtlich der Verhandlungen mit der Europäischen Union sein." Britische Medien interpretierten die Äußerung anschließend so, dass May bei den Verhandlungen mit Brüssel eine Übergangslösung mit der EU anstreben könnte. Der Kurs des britischen Pfunds legte gegenüber dem Euro und dem Dollar umgehend zu. Downing Street dementierte diese Spekulationen jedoch noch nur wenige Stunden später.

Mit seinen Bemühungen hat sich Carney auf direkten Konfrontationskurs mit führenden Brexit-Unterstützern begeben. Handelsminister Liam Fox, Brexit-Minister David Davis und Außenminister Boris Johnson – die in Großbritannien häufig nur noch als the three Brexiteers laufen – deuten seit Monaten an, dass sie sich einen umfassenden Bruch mit der EU wünschen. Davis und Fox haben dabei mehrmals durchblicken lassen, dass sie auch einen Austritt aus dem europäischen Binnenmarkt in Kauf nehmen würden.

Johnson wiederum scheint sich darauf zu verlassen, dass die übrigen 27 EU-Staaten Großbritannien umfassende Zugeständnisse gewähren werden, um keine Einbußen bei ihren Exporten hinnehmen zu müssen. Kürzlich brüskierte Johnson den italienischen Minister für wirtschaftliche Entwicklung, Carlo Calenda, mit der Aussage, Italien werde Großbritannien Zugang zum Binnenmarkt gewähren, "weil ihr keine Prosecco-Exporte verlieren wollt". Der Italiener erklärte nach dem Treffen: "Er hat im Prinzip gesagt: 'Ich möchte keine Personenfreizügigkeit, aber ich möchte den Binnenmarkt.'" Daraufhin habe Johnson seine Prosecco-Bemerkung gemacht. Es sei "ein bisschen beleidigend", die Diskussion auf dieser Ebene zu führen, fügte Calenda hinzu.

Brexit - Angela Merkel lehnt Ausnahmen bei Freizügigkeit ab Laut Bundeskanzlerin Merkel würden Zugeständnisse an die Briten bei der Freizügigkeit die Grundsätze des europäischen Binnenmarkts in Gefahr bringen. © Foto: John MacDougall/AFP/Getty Images