ZEIT ONLINE: Herr Eichengreen, Donald Trump sprach im Wahlkampf davon, er mache "American great again". Wird ihm das als künftiger US-Präsident gelingen?

Barry Eichengreen: Das hängt davon ab, wie sehr die Wirtschaft wachsen wird. Vier Prozent jährlich hat Donald Trump versprochen, daran wird er sich messen lassen müssen. Ich sehe aber nicht, wie die künftige Regierung dieses Ziel in den nächsten vier Jahren erreichen kann.

ZEIT ONLINE:  Was lässt Sie daran zweifeln?

Eichengreen: Ich glaube nicht, dass die angekündigte große Infrastrukturinitiative kommen wird. Dafür bräuchte der Präsident die Unterstützung des Kongresses. Dieser wird zwar von den Republikanern dominiert, aber diese haben zum Teil große Vorbehalte gegen hohe Neuverschuldungen, um es vorsichtig auszudrücken.

ZEIT ONLINE: Machen mehr Investitionen keinen Sinn?

Eichengreen: Vieles, was Trump selbst mit einer moderaten Ausweitung des deficit spending erreichen könnte, würde durch die US-Notenbank neutralisiert, weil sie dann die Zinssätze weiter anheben wird. Das reduziert die positiven Effekte für Unternehmen, weil Kredite dann wiederum teurer werden.

ZEIT ONLINE: Straßen zu bauen halten Sie grundsätzlich aber für durchaus sinnvoll?

Eichengreen: Wir wissen noch zu wenig über das Infrastrukturprogramm. Werden es sinnvolle Projekte oder am Ende nur Brücken sein, die ins Nichts führen und höchstens kurzfristig ein paar Bauingenieure und Bauarbeiter beschäftigen? Bekommen wir eine bessere Infrastruktur oder lediglich Bauvorhaben im Heimatbundesstaat des Vizepräsidenten, also Projekte, die letztlich die Produktivität nicht verbessern? Es ist zu früh, die Frage zu beantworten, aber nicht zu früh, um Zweifel zu haben.

ZEIT ONLINE: Was wären denn sinnvolle Projekte?

Eichengreen: Es geht darum, mithilfe einer guten Infrastruktur die Wirtschaft produktiver zu machen und so das Wachstum zu verstärken. Den USA fehlt eine Infrastruktur für das 21. Jahrhundert, im Vergleich zu Asien und auch weiten Teilen Europas. Der Transportsektor ist veraltet, viele amerikanische Städte haben Probleme mit Abwasser und anderen öffentlichen Dienstleistungen. Eine bessere, verlässliche Infrastruktur würde die USA attraktiver machen, damit multinationale Konzerne Standorte dorthin verlagern.

ZEIT ONLINE: Erwartet man ein staatliches Infrastrukturprogramm nicht eher von der politischen Linken als von einem republikanischen Präsidenten?

Eichengreen: Das zeigt, dass die alte Unterscheidung zwischen links und rechts im Hinblick auf die Wirtschaftspolitik nicht mehr funktioniert. Traditionell kamen Zweifel an der Globalisierung und der Ruf nach Beschränkungen des globalen Handels von der Linken, und die Rechte stand traditionell Staatsinterventionen in die Wirtschaft kritisch bis ablehnend gegenüber.

ZEIT ONLINE: Womit könnte Trump stattdessen punkten?

Eichengreen: Für die Handelspolitik braucht er den Kongress nicht. Trump wird sich darum wahrscheinlich hauptsächlich auf einen restriktiveren Außenhandel konzentrieren. Pläne, die Zölle auf Waren aus China zu erhöhen, werden bereits propagiert. Ich sehe aber nicht, wie das die Wirtschaft in dem versprochenen Maße ankurbeln wird.

ZEIT ONLINE: Warum nicht?

Eichengreen: Wo es möglich ist, würden chinesische Produkte bis zu einem gewissen Grad durch heimische ersetzt werden. Manche heimischen Unternehmen würden ihre Produktion ausweiten, um die Lücke zu füllen, aber das würde kaum Beschäftigungsimpulse bringen. Aber Trump will unbedingt ein sichtbares Zeichen setzen. Er wird argumentieren, dass die chinesische Währung unterbewertet sei und China ein Währungsmanipulator sei. Früher stimmte das einmal, aber heute stimmt diese Kritik nicht mehr.