Der Strafprozess gegen Christine Lagarde geht mit einem Schuldspruch für die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu Ende. Die Richter vom Sondergericht für amtierende und ehemalige Amtsinhaber sahen es als erwiesen an, dass die 60-Jährige in ihrem früheren Amt als französische Finanz- und Wirtschaftsministerin fahrlässig gehandelt hat.

Von einer Strafe sahen die Richter aber ab und begründeten dies mit der "Persönlichkeit" Lagardes, ihrem "internationalen Ansehen" und der Tatsache, dass Lagarde 2007 und 2008 mit der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise zu kämpfen hatte.

Auslöser für den Prozess war ein umstrittenes Schiedsverfahren rund um eine Entschädigungszahlung des französischen Staates an den Geschäftsmann Bernard Tapie. Dieser hatte 1992 seine Anteile an dem deutschen Sportartikelhersteller Adidas an die damals staatliche französische Bank Crédit Lyonnais verkauft, fühlte sich im Nachhinein aber von dieser übervorteilt. Er klagte dagegen, was schließlich in einem von Lagarde veranlassten Schiedsspruch endete: Tapie bekam 2008 eine staatliche Entschädigungszahlung in Höhe von 400 Millionen Euro zugesprochen.

Lagarde schon wieder in Washington

Dieser Schiedsspruch und vor allem die dadurch veranlasste Höhe der Entschädigung hatten in Frankreich für Empörung gesorgt. Viele Kenner der Materie gehen davon aus, dass Tapie wegen seiner Nähe zum damaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy eine Vorzugsbehandlung erhalten hat. Zudem soll es Verbindungen zwischen dem Unternehmer und einem der Schiedsmänner gegeben haben. Im Jahr 2015 schließlich wurde der Schiedsspruch von der französischen Justiz kassiert und der 73-Jährige dazu verurteilt, das Geld zurückzuzahlen. Gegen ihn und andere laufen Betrugsermittlungen.

Lagarde wiederum ist sich keines Fehlverhaltens bewusst. Sie stehe zu ihrer damaligen Entscheidung, sagte sie vergangene Woche vor Gericht und beteuerte, nach bestem Gewissen gehandelt zu haben, auch um einen langwierigen und höchst komplexen Rechtsstreit mit Tapie beizulegen. Das Urteil gegen sie hörte sie persönlich nicht; laut ihres Anwalts weilt sie inzwischen wieder in Washington. 

Von dort leitet sie seit 2011 den Internationalen Währungsfonds und gehört damit zum kleinen Zirkel der mächtigsten Frauen der Welt. Die Entscheidung des Gerichts erschüttert nun Lagardes Glaubwürdigkeit und dürfte der mächtigen Finanzinstitution eine neue Führungsdebatte bescheren. Rund fünf Jahre nach dem Abgang des einstigen IWF-Direktors Dominique Strauss-Kahn wegen eines Sex-Skandals gerät nun also auch seine Nachfolgerin in Bedrängnis. Eine Vorschrift, dass Lagarde ihren Posten nun zwingend zur Verfügung stellen muss, gibt es nicht. Ein IWF-Sprecher kündigte aber baldige Beratungen des IWF-Direktoriums über den Ausgang des Prozesses an.

Lagarde-Anwalt schließt Revision nicht aus

Das Gericht setzte sich mit seinem Urteil auch über die Staatsanwaltschaft hinweg, die sich gegen eine Verurteilung der Finanzmanagerin ausgesprochen hatte. Lagardes Anwalt zeigte sich trotz der Straflosigkeit für seine Mandantin "ziemlich enttäuscht" über das Urteil. Eine mögliche Revision schloss er nicht aus.

Der Gerichtshof der Republik tagt nur sehr selten. Er ist für Vergehen französischer Regierungsmitglieder im Rahmen ihres Amtes zuständig. Das Sondergericht wurde 1993 geschaffen; das Verfahren gegen Lagarde war erst der fünfte Prozess. Auf der Richterbank sitzen neben drei Berufsrichtern zwölf Parlamentarier.