In den vergangenen dreißig Jahren haben sich die Gewinne der größten Unternehmen weltweit vervielfacht – die Steuern, die sie zahlen, aber sinken. Und manche Länder, auch europäische, heizen den Wettlauf um die niedrigsten Steuern ganz besonders an. Das geht aus der Liste der "15 schlimmsten Steueroasen" hervor, die gerade von der Hilfsorganisation Oxfam veröffentlicht wurde.

Die Liste wird angeführt von Bermuda und den Cayman Islands. Auf sie folgen die Niederlande und die Schweiz. Weitere europäische Steueroasen sind Irland, Luxemburg, Zypern und die Kanalinsel Jersey. Auf der Rangliste finden sich auch britische Überseegebiete wie die Kaimaninseln und die zwar autonome, aber zum Königreich der Niederlande gehörende Karibikinsel Curaçao. Diese Länder "ermöglichen den Unternehmen die extremsten Formen der Steuervermeidung", heißt es in der Studie.

Der Wettlauf um die niedrigsten Steuern würde durch die Oasen immer weiter angetrieben. "Sie müssen dringend trockengelegt werden", sagt Tobias Hauschild, Experte für Steuergerechtigkeit bei Oxfam. Die Organisation kritisiert, dass die Politik bislang viel zu wenig dafür tue.

Zum Beispiel die G20, die 20 größten Industrie- und Schwellenländer, und die OECD: Zwar hätten sie sich gerade auf eine Initiative geeinigt, die das Verschieben von Gewinnen in Steueroasen beschränken solle. Aber am Verhandlungstisch hätten ausgerechnet die Steueroasen Schweiz, Niederlande und Luxemburg Mitspracherecht gehabt, und die Reform lasse einzelnen Staaten immer noch die Möglichkeit, ihre Unternehmenssteuern noch weiter zu senken, was den ruinösen Steuerwettbewerb sogar noch weiter anheize. Oder die Europäische Union: Sie arbeite zwar an einer eigenen Schwarzen Liste – die aber EU-Länder oder Steueroasen wie die Schweiz von vornherein außen vor lasse. Die geplante Schwarze Liste der G20 sei noch schwächer.

Steuerschiebung führt zu Ungleichheit

Der Wettbewerb um die niedrigsten Steuersätze und das "daraus resultierende Rennen nach ganz unten in der Besteuerung globaler Konzerne" sei eine der wichtigsten Ursachen für die globale Ungleichheit, schreibt Oxfam. Die Organisation hatte im Januar einen Report über die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich veröffentlicht.

Hauschild zufolge unterhalten 90 Prozent der 200 weltgrößten Konzerne Filialen in Steueroasen. Insgesamt verlören arme Länder durch Steuervermeidung von Unternehmen mindestens 100 Milliarden Dollar im Jahr, sagt er. "In den Staatshaushalten würde dieses Geld ausreichen, um 124 Millionen Kindern den Besuch einer Schule zu ermöglichen und mit verbesserter Gesundheitsversorgung weiteren sechs Millionen Kindern das Leben zu retten."

Entwicklungsländer leiden besonders. Zum Beispiel Kenia: Dem Land entgehen Oxfam zufolge jährlich Einnahmen von mehr als einer Milliarde Dollar – doppelt so viel, wie dem Staat für Gesundheitsvorsorge zur Verfügung stehe. In Kenia stirbt eine von 40 Müttern bei der Geburt. Oder in Nigeria: Das Land gibt fast drei Milliarden Dollar für Steuernachlässe aus, das entspricht dem doppelten Bildungsetat. Sechs Millionen Mädchen gehen in Nigeria nicht zur Schule.

"In dem Bestreben, Unternehmen anzulocken, kürzen Regierungen in aller Welt deren Steuerrechnungen drastisch. So fügen sie ihren eigenen Volkswirtschaften und denen anderer Länder Schaden zu", schreiben die Autoren des Papiers. Dabei seien niedrige Steuern in der Regel gar nicht ausschlaggebend für Investitionsentscheidungen. Viel wichtiger seien Infrastruktur, eine gesunde, gut ausgebildete Arbeiterschaft und soziale Stabilität.