In Peking hätte man schon vor Monaten wütend toben müssen, so wie Donald Trump im Wahlkampf  gegen die Volksrepublik polemisiert hatte: Die Chinesen würden ihre Währung manipulieren, um sich auf dem Weltmarkt mit Billigexporten einen Handelsvorteil zu erschleichen. "China vergewaltigt unser Land", polterte er und kündigte einen 45-prozentigen Strafzoll auf chinesische Importe an. 

Doch nach seiner gewonnenen Wahl übte sich die chinesische Führung in Gelassenheit. Im Wahlkampf würden ja häufig Dinge gesagt, die dann hinterher nicht so gemeint seien, versuchte sie die Attacken herunterzuspielen. Zudem: Er sei ja noch Anfänger.

Doch dann der Taiwan-Affront, als Trump offiziell mit der taiwanischen Präsidentin Tsai Ing-wen telefoniert und sich von ihr zur gewonnen Wahl gratulieren lässt. Das hat es seit mehr als 40 Jahren nicht mehr gegeben: Nicht nur, dass er sie "Präsidentin" nennt – ein offiziell gewählter US-Würdenträger stellt mit dem Gespräch die Ein-China-Politik infrage, wonach es nur eine rechtmäßige Regierung gibt – und die sitzt in Peking.

Trump fordert von China Zugeständnisse

Doch damit nicht genug: Am Wochenende gab Trump in einem Fernsehinterview unverhohlen zu, dass er nicht verstehe, warum die USA "an eine Ein-China-Politik gebunden sein müssen". Ganz der Geschäftsmann sagte er, es gebe ja auch keine Vereinbarung mit China über andere Dinge. Konkret forderte er von der chinesischen Führung Zugeständnisse in der Handels-, Währungs- und Außenpolitik.

Die chinesische Führung reagierte auch darauf zurückhaltend. Hätte Hillary Clinton das gewagt – Peking wäre ausgerastet. Als sie Außenministerin war, hatten chinesische Regierungsvertreter auf viel harmlosere Kritik deutlich heftiger reagiert. Doch bei Trump scheint sie diese verbalen Attacken nachzusehen. Erst nachdem der künftige US-Präsident am Wochenende keine Ruhe gab und damit weiter China angeht, mehren sich in chinesischen Staatsmedien die Stimmen, sich das nicht länger gefallen zu lassen.

Dieser Umgang ist beachtlich. Der ehemalige US-Außenminister und langjährige China-Kenner Henry Kissinger, der in den 1970er Jahren die Ein-China-Politik mit ausgestaltet hatte, attestierte der chinesischen Führung Besonnenheit. "Ich bin beeindruckt von der gelassenen Reaktion der chinesischen Führung", sagte er vergangene Woche. Diese Gelassenheit hat allerdings Gründe: China geht offensichtlich davon aus, dass es mit Trump als US-Präsident an Einfluss gewinnen wird – vor allem handelspolitisch.

Einen ersten Vorgeschmack hat es bereits gegeben: Nur wenige Tage nach seinem Wahlsieg verkündete Trump, dass er als eine seiner ersten Amtshandlungen die Verhandlungen über die Transpazifische Partnerschaft (TPP) stoppen werde. Sieben Jahre hatte sein Vorgänger Obama mit zwölf Pazifik-Anrainerstaaten um den größten Wirtschaftsraum der Welt verhandelt. Fast alle Zoll- und Importschranken sollten fallen. Zusammen hätten die TPP-Staaten 800 Millionen Menschen und 40 Prozent der Weltwirtschaft abgebildet. Nur China sollte nicht dabei sein. Die Obama-Regierung hatte TPP bewusst als Gegenpol zur aufstrebenden Wirtschaftsmacht vorgesehen.