Lesen Sie hier die englische Version des Interviews.

ZEIT ONLINE: Herr Rattner, US-Präsident Donald Trump beschwert sich darüber, dass auf deutschen Straßen kaum Chevrolets fahren. Sollten wir mehr amerikanische Autos kaufen?

Steven Rattner: Vieles davon, was Trump sagt, zeigt, dass er die dringendsten Probleme der Autoindustrie in den USA nicht versteht. General Motors hat versucht, Chevrolet in Europa einzuführen, allerdings ohne Erfolg. Die Europäer wollen diese Autos einfach nicht kaufen.

Trump weiß noch nicht mal, wie viele deutsche Autos heute aus den USA exportiert werden, weil sie ja auch dort produziert werden. Und General Motors hat wiederum viele Werke in Europa, wo Opel-Fahrzeuge und andere Marken gefertigt werden. Trump versteht nicht, wie vernetzt und globalisiert die Autoindustrie ist. Es wäre ein herber Rückschlag für die Industrie, wenn die USA ihre Grenzen schließen würden oder Strafzölle auf importierte Autos und Autoteile erheben würden. Wir können nur hoffen, dass Trump mit der Zeit lernen und weniger radikal, sondern pragmatischer sein wird.

ZEIT ONLINE: Welche Strategie verfolgt Trump mit seinen Drohungen, eine Grenzsteuer für die Einfuhr von Autos einzuführen?

Rattner: Vielleicht steckt da gar keine Strategie dahinter. Es ist nur seine Methode, Deals einzufädeln. Er beginnt die Verhandlungen, indem er etwas völlig Extremes fordert. Am Ende hofft er, mehr präsentieren zu können, als alle erwartet haben. Nehmen Sie Mexiko als Beispiel: Er will mit dem mexikanischen Präsidenten über eine Neuverhandlung des Nafta-Freihandelsabkommens sprechen. Und er nimmt eine so extreme Position ein, dass er Mexiko dazu bringen könnte, etwas zu akzeptieren, worauf es sich normalerweise nie einlassen würde – aus Angst vor den USA und Trump. So hat er seine Unternehmen geführt und das Gleiche tut er jetzt in der Politik.

ZEIT ONLINE: Könnte diese Methode Erfolg haben?

Rattner: Wer weiß? Wir hatten vorher noch nie einen Geschäftsmann als Präsidenten. In den 1980er-Jahren hatten wir Schwierigkeiten mit japanischen Autoimporten – es gab einfach zu viele. Die Regierung von Präsident Reagan reagierte mit einer Reihe von Drohungen an Japan. Als Resultat fing Japan an, mehr Autofabriken in den Vereinigten Staaten zu bauen. Reagan war erfolgreich und schuf Jobs in den USA.

Aber wir leben nicht mehr in den 80ern. Die Globalisierung ist fortgeschritten. Heute produziert Deutschland bereits viele Autos in den USA. Für Deutschland sind die USA ein Niedriglohnland. Als Volkswagen sein größtes Werk in den USA baute und 2011 die ersten Arbeiter einstellte, zahlten sie 14,50 US-Dollar pro Stunde ohne Sozialleistungen (kleine Anmerkung: Mit 2011er-Wechselkurs von ca. 1,3 sind das ca. 11,15 Euro). Das war weniger als VW in Deutschland zahlte. Was in den 80ern funktioniert hat, klappt jedoch 2017 nicht mehr.

Das meiste von dem, was in den vergangenen Wochen passiert ist, waren PR-Aktionen von Trump
Steven Rattner

ZEIT ONLINE: Trump nimmt sich nicht nur die Autoindustrie vor. Sein Mantra lautet: Kauft amerikanisch, stellt amerikanisch ein. Kann er wirklich Industriejobs zurück in die USA bringen?

Rattner: Auf keinen Fall. Vielleicht kann er ein paar Arbeitsplätze schaffen, aber es wird keine drastischen Veränderungen geben. Das meiste von dem, was in den vergangenen Wochen passiert ist, waren PR-Aktionen von Trump. General Motors und Fiat Chrysler haben ihre Investitionspläne vor langer Zeit festgelegt. Trumps Drohungen haben daran nichts geändert. Autorfirmen treffen nicht innerhalb weniger Wochen die Entscheidung, Milliarden Dollar auszugeben. Aber Trump behauptet, sie hätten es getan und viele Menschen scheinen ihm das zu glauben.

ZEIT ONLINE: Gibt es irgendeinen Weg, die produzierende Industrie in den USA wiederzubeleben?

Rattner: Ich bin grundsätzlich pessimistisch eingestellt, was Industriejobs in den Vereinigten Staaten angeht. Es ist sehr viel günstiger, in Mexiko zu produzieren. Wenn Autos oder Maschinen in den USA produziert werden, ist das einzige Resultat, dass sie teurer sein werden. Das Hauptproblem des amerikanischen Arbeitsmarkts ist nicht die Anzahl, sondern die Qualität der Jobs. Mit einer Arbeitslosenquote von 4,7 Prozent haben wir fast Vollbeschäftigung. Amerika braucht hochbezahlte Jobs, aber die finden sich nicht in der Produktion. In den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren haben wir einige dieser Jobs gerettet, weil wir die Löhne gekürzt haben. Deshalb sind so viele Menschen unzufrieden.