Am Ende hat Karl Marx gewonnen. Er hat die Post-Keynesianer abgehängt und die Neo-Ricardianer besiegt, er hat die feministischen Ökonominnen hinter sich gelassen und auch den Postwachstumsdenker Niko Paech auf die Ränge verwiesen. Jedenfalls in der WhatsApp-Abstimmung der Initiative Plurale Ökonomik an der Uni Münster, die deswegen gerade Marx zum Thema macht. Mit Seminaren und Filmabenden.

Und mit einem Lesekreis. Ein Donnerstagabend im Januar, in einem neonbeleuchteten Kellerraum unter dem Institut für Politikwissenschaft. Es gibt Bier und Mate, Chips und Schokolade. Um einen Tisch herum sitzen sieben VWL-Studenten, vor sich dicke Bücher: "Das Kapital" von Karl Marx. Ein Mammutwerk, drei Bände mit fast 3.000 Seiten. Heute sprechen sie über die Seiten 99 bis 108, das zweite Kapitel, in dem Marx den "Austauschprozeß" thematisiert. Und rätseln häufig: "Wie meint er das hier?", "Was meint er damit?", "Ist das ein Zitat aus der Bibel – oder aus Faust?"

"Das Kapital" zu lesen und zu verstehen ist nicht einfach. Und es ist auch gar nicht nötig, um heutzutage einen Hochschulabschluss in Volkswirtschaft oder Politik zu machen. Weswegen tun die Studenten der Initiative es dennoch? Ein Gespräch mit Isa Steiner, die den Lesekreis initiiert hat.

ZEIT ONLINE: Frau Steiner, Sie lesen mit Kommilitonen Das Kapital von Karl Marx. Das Werk ist 150 Jahre alt und hat fast 3.000 Seiten. Warum tun Sie als junge Frau sich so einen alten Schinken an?

Isa Steiner: Aus Marx' Werken geht die meiste Kritik an unserem kapitalistischen Wirtschaftssystem hervor. Das Buch stammt zwar aus dem 19. Jahrhundert, aber bis heute berufen sich viele Autoren auf Marx, etwa viele feministische Ökonominnen.

ZEIT ONLINE: Genügt es dafür nicht, sich mit seinen Thesen und Erkenntnissen zu beschäftigen?

Steiner: Wir studieren Volkswirtschaftslehre und finden es wichtig, wirtschaftswissenschaftliche Texte im Original zu lesen. Adam Smith schafft man alleine, Marx geht besser in einer Gruppe.

ZEIT ONLINE: Aber gehört das nicht zum Studium?

Steiner: Nein, ohne unseren Lesekreis würden wir an der Uni keine Zeile von Marx lesen. Unsere Professoren ignorieren Marx mehr oder weniger komplett – genau wie an vielen anderen Unis.

ZEIT ONLINE: Marx ist Ihnen an der Uni nie begegnet?

Lesen Sie dazu auch "Hatte Marx doch recht? Er sah die Probleme des Kapitalismus, die heute Nationalisten befeuern" und weitere Artikel zum Titelthema der ZEIT Nr. 5 vom 26.1.2017.

Steiner: Nur kurz in einem Kurs, der sich "Geschichte der ökonomischen Theorie" nennt. Ich habe gehofft, dass wir dort mehr über Marx lernen. Aber der Dozent hat uns hauptsächlich erklärt, dass Marx geistiger Vater der Input-Output-Tabelle sei, also eines Teils der heutigen Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, der zeigt, wie aus Rohstoffen Produktionsmittel und Konsumgüter werden. Er wollte uns davon überzeugen, dass alles Brauchbare von Marx in der Neoklassik aufgegriffen werde. Deshalb seien Forderungen mancher VWL-Studenten, sich im Studium mehr mit Marx auseinanderzusetzen, nicht gerechtfertigt. Damit hat er bewusst in Richtung unseres Netzwerks Plurale Ökonomik gestichelt.

ZEIT ONLINE: Was ist das für ein Netzwerk?

Steiner: An den meisten Unis wird im VWL-Studium nur die neoklassische Ökonomik rauf- und runtergebetet. Sie erklärt die Wirtschaft vor allem anhand mathematischer Modelle, die Märkte als vollkommen betrachten und den Menschen als homo oeconomius verstehen – also als Individuum, das immer völlig rational entscheidet.

ZEIT ONLINE: Annahmen, die helfen, die Wirtschaft zu modellieren. Sie glauben nicht daran?

Steiner: Unser Netzwerk lehnt die Neoklassik nicht ab, aber sie ist eben nur Denkschule von vielen. Wir setzen uns dafür ein, dass sich die Lehre auch anderen Ansätzen öffnet. Die Probleme in unserer Welt sind komplex – doch die meisten unserer Professoren liefern leider nur eindimensionale Antworten.