Zwei typische Reaktionsmuster der Entwürdigten halten Europa in Atem. Zum einen werden religiöse Traditionen radikalisiert. Sich von den "gottlosen" Modernisierern abzugrenzen und diese als Feinde zu bekämpfen, scheint identitätsstiftend zu sein, weil sich daraus ein heroisches Selbstwertgefühl ableiten lässt. Zum anderen verlassen immer mehr Menschen ihre Heimat, um ins vermeintliche europäische Paradies zu gelangen. Sie folgen dem Versprechen, dort übergangslos das Leben der Fortschrittlichen imitieren zu können. Hinzu kommen jene, die vor Kriegen fliehen. Die Klügsten gehen, die südlichen Ökonomien bluten aus. So wird zerstört, was jahrzehntelang entwicklungspolitisch aufgebaut werden sollte.

Aber globale Gerechtigkeit kann weder ein Unterfangen der kulturellen Homogenisierung sein, noch kann sie allein auf ökonomischer Ebene erreicht werden. Nicht der Süden wäre zu "entwickeln", sondern der Norden müsste materiell abgerüstet werden. Nur so kann er dem Süden ein Stück Würde zurückgeben, ohne unerfüllbare Träume zu wecken. Eine bloße Übertragung des European Way of Life – ganz gleich ob durch internationalen Handel, Entwicklungspolitik oder Einwanderung – kann nur im ökologischen Fiasko enden.  

Überwindung des Wachstumszwangs

Ein Entwicklungsmodell für Europa wäre gerechtigkeitsfähig, wenn es die Wohlstandsdifferenz abbaut, indem die eigenen materiellen Ansprüche auf ein "menschliches Maß" zurückgeführt werden. Dieses seinerzeit von Leopold Kohr und Ernst Friedrich Schumacher geprägte Konzept bedeutet mehr als pure Selbstbegrenzung, um ökologische Grenzen einzuhalten. Es stellt die Überwindung des Wachstumszwangs in Aussicht – allerdings nur dann, wenn es gelingt, das Leben nach und nach zu deglobalisieren und zu deindustrialisieren.

Europa würde sich zu einem Kontinent der souveränen Regionen wandeln, die sich möglichst kleinräumig versorgen. Die Menschen würden wieder sesshafter. Das wäre, zugegeben, nur mit einem weitaus bescheideneren Wohlstand vereinbar. Aber dieser wäre krisenstabiler und ökologisch verantwortbar.

An die Stelle der entgrenzten industriellen Arbeitsteilung träten moderne Produktionssysteme in kleinerem Maßstab, kombiniert mit handwerklicher Versorgung und urbaner Selbstversorgung. Dies entspräche einer Abkehr vom gegenwärtigen Produktivitätsdogma, basierend auf einfacheren Technologien, welche die menschliche Arbeitskraft nicht ersetzen, sondern maßvoll verstärken, mit weniger Kapital auskommen und beherrschbar sind.

Ein autonomes, kooperatives, würdevolles Leben

Um die unvermeidbare Reduktion an Einkommen und Industrieproduktion sozialpolitisch abzufedern, müsste die verbliebene Erwerbsarbeitszeit umverteilt werden. Vollbeschäftigung wäre immer noch möglich, wenngleich auf einem deutlich geringeren Niveau an entlohnten Arbeitsstunden, etwa 20 Wochenstunden.

Die freigestellten 20 Stunden könnten verwendet werden, um die verringerte Güterproduktion durch handwerkliche Selbstversorgung zu veredeln. So könnten bestimmte Güter, etwa Nahrungsmittel, wieder teilweise selbst hergestellt und Gebrauchsgegenstände instand gehalten, eigenständig repariert und gemeinschaftlich genutzt werden. Der Bedarf an Gütern würde sich entsprechend verringern. Menschen, die ergänzend zu einer 20-Stunden-Beschäftigung handwerkliche und subsistente Tätigkeiten verrichteten, praktizierten ein würdevolles Dasein, das sich nicht mehr aus dekadenter Bequemlichkeit speiste, sondern daraus, autonom und kooperativ mit anderen überlebensfähig zu sein.

Ein solcher Lebens- und Versorgungsstil wäre Teil einer Postwachstumsökonomie und setzt verringerte Ansprüche an materielle Selbstverwirklichung voraus. Aber er ließe sich aufgrund geringer technischer, finanzieller und bildungspolitischer Voraussetzungen leicht kopieren und offenbarte somit eine ehrliche Perspektive für den globalen Süden. Überdies könnte sein genügsamer und sesshafter Charakter wohl kaum den kulturzerstörerischen Sog entfalten, den die europäische Traumfabrik derzeit noch ausübt.