ZET ONLINE: Herr Stelter, eine Reihe von Wirtschaftsinstituten und etliche Medien warnen vor einem sprunghaften Preisanstieg in diesem Jahr. Kehrt die Inflation mit voller Wucht zurück?

Daniel Stelter: Im Moment treibt der Ölpreis die Inflation. In den letzten Jahren war dieser rückläufig, jetzt hat er sich stabilisiert und steigt leicht. Ein großer Teil der Preissteigerung ist darauf zurückzuführen. Daraus aber abzuleiten, dass wir vor einer riesigen Inflationswelle stehen, ist zu früh. Die grundlegenden Bedingungen der Weltwirtschaft haben sich nicht geändert, es gibt immer noch erhebliche Überkapazitäten in der Welt. Das Angebot ist also groß, die Preise bleiben daher insgesamt niedrig.

ZEIT ONLINE: In den USA zeichnet sich aber auch eine stärkere Inflation ab. Könnte das nicht auf Europa überschlagen?

Stelter: In den USA sind die Inflationserwartungen seit der Wahl von Donald Trump tatsächlich gestiegen. Er hat Steuersenkungen angekündigt und große Investitionen in die Infrastruktur – also ein Konjunkturprogramm. Das kann zu höherem Wachstum führen und damit auch zu steigenden Preisen. Aber auch hier ist die Frage: Wird es Trump überhaupt gelingen, mehr als ein Strohfeuer zu erzeugen? Auch die US-Wirtschaft leidet unter geringen Zuwächsen der Produktivität und hoher privater und staatlicher Verschuldung. Ein starkes Wirtschaftswachstum kann in diesem Umfeld nicht erwartet werden. Das dürfte im Laufe des Jahres zu einiger Ernüchterung führen.

ZEIT ONLINE: Also nur wenig Trump-Effekt?

Stelter: Wir haben jetzt eine Euphorie, dass Trump alles anders macht. Das Wirtschaftswachstum hängt aber von zwei Faktoren ab: von der Anzahl der Menschen, die arbeiten, und von der Produktivität pro Kopf. In den USA ist die Erwerbsbevölkerung in den letzten Jahren deutlich gesunken. Wenn Trump diese Menschen wieder in Arbeit bekommt, wäre ein höheres Wachstum möglich. Zum anderen braucht man für mehr Produktivität vor allem Innovationen. Die gibt es zwar in der gesamten westlichen Welt, aber sie schlagen sich bisher nicht in höherer Produktivität nieder. Strukturell spricht wenig für ein großes Wachstum.

ZEIT ONLINE: Wenn die Wirtschaft immerhin moderat wächst und die Preise steigen, steigen auch die Zinsen. Wo liegt hier die Gefahr?

Stelter: Der jetzige wirtschaftliche Aufschwung in den USA hält schon länger an. Die meisten Aufschwünge sterben dann, wenn die Zinsen steigen. Und die steigen schon seit einigen Monaten in den USA und liegen jetzt für die maßgeblichen zehnjährigen US-Staatsanleihen bei circa 2,4 Prozent. Die Unternehmen in den USA sind hoch verschuldet, da können Zinssteigerungen negativ wirken. Der Anstieg der Zinsen könnte einen Trump-Aufschwung so im Keim ersticken.

ZEIT ONLINE: Gilt das nicht auch für Europa, zumal hier vor allem die Staaten hoch verschuldet sind?

Stelter: Das gilt für Europa noch viel mehr als für die USA, liegt doch die Verschuldung von Staaten und Privaten deutlich über dem Niveau der USA. Die Zinsen in Europa steigen, weil sie in den USA steigen, und Europa sich nicht von dieser Entwicklung abkoppeln kann. Da kann die Europäische Zentralbank nur begrenzt gegensteuern. Steigen die Zinsen, wird sich sehr schnell zeigen, dass die Eurozone noch lange nicht gerettet ist. Das ungelöste Problem der hohen Verschuldung von Staaten und Privaten und des maroden Bankensystems wird offen zutage treten.