Das Kaufangebot kam per Fax. "Wenn Sie ein Präparat in größerer Menge liefern können, geben Sie uns bitte Bescheid", heißt es in der schriftlichen Anfrage, die den deutschen Apotheker Andreas Tauber (Name von der Redaktion geändert) vergangenen Herbst erreichte. "Vielen Dank im Voraus für jede Packung!"

In der Tabelle unter der freundlichen Aufforderung hat der Absender Ampix Pharma sieben verschreibungspflichtige Arzneimittel aufgelistet, von denen er der Apotheke mindestens jeweils 20 bis 50 Packungen abkaufen möchte. Das Blasenmedikament Vesikur und das Antiepileptikum Lamictal sind darunter, ebenso der Blutzuckersenker Jardiance. Für das Diabetesmittel des deutschen Herstellers Boehringer Ingelheim mit dem Wirkstoff Empaglifozin bietet Ampix Pharma 28,72 Euro für eine Packung mit 30 Tabletten. Wenige Tage nach der Offerte trudelt ein weiteres Kaufangebot bei Apotheker Tauber ein. Eine Firma namens Eurorx Arzneimittel interessiert sich dringend für Jardiance und will für die Tabletten 31,94 Euro je Packung bezahlen. Insgesamt möchte das Unternehmen der Apotheke Arzneimittel im Wert von rund 28.000 Euro abkaufen.

Patienten klagen, dass verschriebene Medikamente nicht verfügbar sind

Angebote wie diese seien in der Branche keine Seltenheit, sagt Fritz Becker. Er führt in der Gegend von Pforzheim (Baden-Württemberg) drei Apotheken und ist seit 2009 Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbandes (DAV). Besonders im vergangenen Jahr haben sich immer wieder Kollegen aber auch Patienten bei dem Pharmazeuten beschwert, weil vom Arzt verschriebene Medikamente im Handel nicht verfügbar waren.

Auch Arzneimittelhersteller wie AstraZeneca und Boehringer Ingelheim klagen seit geraumer Zeit über rätselhaften Medikamentenschwund. "Wir stellen sicher, dass der deutsche Markt über Großhändler und Apotheken entsprechend des Patientenbedarfs ausreichend beliefert wird", sagt etwa Julia Rasche, Sprecherin von AstraZeneca. "Trotzdem wird uns von Apotheken und Patienten immer wieder berichtet, dass vor allem unser Diabetesmedikament Forxiga sowie das Präparat Brillique nicht lieferbar sind." Aber auch der pharmazeutische Großhandel ist nach Recherchen des Tagesspiegels von dem Phänomen betroffen, wie Boehringer Ingelheim bestätigt: So sei zum Beispiel das Mittel Jardiance dort teilweise nicht verfügbar gewesen. "Dabei haben wir deutlich größere Mengen von Empaglifozin an den deutschen Handel geliefert, als zur Versorgung von Patienten in Deutschland notwendig sind", versichert der Pharmakonzern.

Die Medikamente werden ins europäische Ausland exportiert

Aber was geschieht mit Jardiance, Brillique und Co, und wo bleiben die Medikamente, die Millionen Deutsche dringend benötigen? Laut AstraZeneca fließen die Arzneimittel vor allem ins europäische Ausland ab. "Wir haben zum Beispiel Rückmeldung aus England, dass dort vermehrt deutsche Packungen im Handel sind", erklärt Julia Rasche. Großbritannien gilt mit Blick auf Arzneimittel als "Hochpreisland": Medikamente lassen sich dort deutlich teurer verkaufen als hierzulande. Der Import und Export von Arzneimitteln ist in der Europäischen Union (EU) im Rahmen des freien Warenverkehrs völlig legal. Deutschland hat vor einigen Jahren sogar eine Importquote für ausländische Arzneimittel eingeführt. Ihr zufolge sind Apotheken verpflichtet, auch preisgünstige, importierte Medikamente abzugeben.

Apotheker Becker geht der sogenannte Parallelhandel, zu dem sowohl der Import als auch der Export zählen, dennoch zu weit. "Es kann nicht sein, dass ganze Chargen abfließen", sagt der Pharmazeut. "Wo bleibt denn da die Versorgungssicherheit der Patienten?" Dass deutsche Arzneimittel zum Spekulationsobjekt von Händlern mutiert sind, erklärt Becker vor allem mit dem hierzulande nicht geheimen Erstattungspreis.

Das Bundesgesundheitsministerium sieht keinen Handlungsbedarf

Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) indes hält den hierzulande immer weiter um sich greifenden Abfluss von Medikamenten nicht für problematisch. "Parallelhandel mit Arzneimitteln ist eine Möglichkeit des Handels mit Arzneimitteln im Rahmen des freien Warenverkehrs im Binnenmarkt", heißt es in der schriftlichen Antwort des Hauses von Minister Hermann Gröhe (CDU) auf Anfrage des Tagesspiegels. "In erster Linie hiervon betroffen sind die Staaten, aus denen Arzneimittel exportiert werden. Deutschland ist beim Parallelhandel mit Arzneimitteln weit überwiegend Empfängerland."

Dieser Haltung ist es wohl geschuldet, dass der Parallelhandel auch beim vergangenen Jour Fixe von Politik und Wirtschaft zu Lieferengpässen keine Rolle spielte. An der Veranstaltung Anfang Dezember hatten neben Vertretern von Arzneimittelherstellern, des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfarM) und des Paul-Ehrlich-Instituts für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel (PEI) auch Mitarbeiter des BMG teilgenommen.

Bei AstraZeneca sieht man die Sache etwas anders. "Wir sehen aufgrund der aktuellen Problematik dringenden Handlungsbedarf", sagt Sprecherin Julia Rasche. "Daher haben wir als Unternehmen schon vor einiger Zeit den Vorschlag gemacht, die Sichtbarkeit des Erstattungsbetrags einzuschränken."