Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte keine frohe Weihnachtsbotschaft: Laut ihrer neuesten Erhebung hat Deutschland mit die höchste Ungleichheit bei privaten Vermögen in der Eurozone. Dabei ist das Problem nicht, dass in kaum einem Land die reichsten zehn Prozent so viel haben wie in Deutschland. Die wirklich schockierende Botschaft ist, dass 40 Prozent der Deutschen praktisch gar kein Erspartes haben. Sie haben kaum etwas, auf das sie sich im Alter verlassen, womit sie sich gegen Krankheit absichern oder in die Bildung ihrer Kinder investieren können. Die enorme Ungleichheit der privaten Vermögen trägt bereits heute zu sozialen Konflikten bei, die sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen werden.

Die neuen Zahlen der EZB sind ernüchternd. Obwohl das Einkommen eines durchschnittlichen Deutschen deutlich über dem der meisten anderen Europäer liegt, ist sein Vermögen deutlich geringer. Ein durchschnittlicher Haushalt in Deutschland – für den also die eine Hälfte der anderen Haushalte mehr und die andere Hälfte weniger hat – hat 60.000 Euro an Nettovermögen – dazu zählen Sparguthaben, Aktien, Immobilien, Lebensversicherungen und auch Autos und Hausrat, abzüglich von Verbindlichkeiten – im Vergleich zu mehr als 100.000 Euro in anderen Ländern der Eurozone. Ein durchschnittlicher Haushalt in Spanien oder Italien hat sogar weit mehr als das Doppelte an Nettovermögen.

Die unteren 40 Prozent besitzen fast kein Privatvermögen

Dies bedeutet nicht, dass es weniger privates Vermögen in Deutschland gäbe, sondern dass dieses private Vermögen hierzulande sehr viel ungleicher verteilt ist. Die oberen zehn Prozent haben 60 Prozent, die unteren 40 Prozent dagegen wenig mehr als ein Prozent des gesamten Privatvermögens. Die Vermögensungleichheit hat sich seit 2010, als die EZB diese Umfrage zum ersten Mal durchführte, sogar leicht erhöht. Die Vermögen der Ärmsten sind weiter geschrumpft.

Einige Politiker und Ökonomen behaupten, Deutschland sei ein sozial ausgewogenes Land, in dem diese Ungleichheit normal und kein Problem sei. Mit drei Argumenten versuchen sie, die hohe Ungleichheit der privaten Vermögen als vermeintlich irrelevant abzutun. Das prominenteste dieser Argumente ist, Deutsche würden kein privates Vermögen brauchen, denn sie hätten ja einen großzügigen Sozialstaat, der sie gegen alle Widrigkeiten absichert und ihnen eine sichere Rente garantiert.

Der Sozialstaat kann die Ungleichheit nicht kompensieren

Der Sozialstaat ist jedoch kein Ersatz für fehlende Ersparnisse und wird dies auch nie sein können. Eine noch so großzügige Rentenanwartschaft wird einer 35-jährigen allein erziehenden Mutter nicht helfen können, Bildungsausgaben für ihre Kinder zu stemmen oder ein kaputtes Auto zu ersetzen.

Es ist zudem fatal, wenn immer mehr Deutsche im Alter finanziell fast ausschließlich vom Staat abhängig sind. Eine Rentenquote von 48 Prozent des durchschnittlichen Lebenseinkommens bedeutet bereits heute eine massive Einschränkung des Lebensstandards für einen Rentner. Das Rentenniveau wird weiter fallen und viele sehen es schon als Erfolg an, wenn dieses nicht auf 43 Prozent, wie bisher geplant, sondern lediglich auf 45 Prozent bis zum Jahr 2030 sinken wird. Kurzum, die fehlenden Ersparnisse fast der Hälfte der Deutschen können durch den deutschen Sozialstaat nicht auch nur annähernd kompensiert werden.