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Ganz im Südwesten Deutschlands, in einem unauffälligen Bürokomplex an einer lauten Hauptstraße, sitzt der Mann, der Europa vor Terror und Kriminalität schützen soll. Klaus Thoma, ein Mann mit Glatze und grauem Schnauzbart, ist Physiker. Sein Büro im Ernst-Mach-Institut (EMI) in Freiburg im Breisgau liegt am Ende eines langen Ganges. Weiße Wände, blaue Auslegware, Neonleuchten. Auf dem Schreibtisch steht eine Flasche Apfelsaft, an der ein Post-it mit der Aufschrift "Herr Thoma" klebt. Er und seine Kollegen wollen Selbstmordattentate, Bombenbau und Schmuggel verhindern – mithilfe von Naturwissenschaft, mit Daten, Formeln und mit der Entwicklung neuer technischer Produkte.

Gleich neben dem Institut verläuft eine Bahntrasse, alle paar Minuten rumpelt ein Regionalzug vorbei. Thoma aber hört das laute Rattern nicht, er sitzt  an seinem Schreibtisch und klickt sich begeistert durch bunte PowerPoint-Präsentationen mit Fotos von Hochhäusern und Sicherheitscheckpoints an Flughäfen. "Irre" sagt er und zeigt auf eine Animation mit einem 3-D-Scanner, der Container durchleuchtet, auf seinem Bildschirm. Wie ein kleiner Junge vor dem Lego-Kasten sitzt er vor seinem Computer.

Er ist einer von Hunderten Forschern und Firmen, die mithilfe von Technik die Sicherheit in der Europäischen Union erhöhen sollen. Sie entwickeln Sensoren, die Sprengstoff erkennen, sie bauen Drohnen und Satelliten, mit denen man die Außengrenzen der EU überwachen kann. Sie arbeiten an biometrischen Passsystemen und Großrechnern, die Daten von Millionen Menschen in Sekundenschnelle erfassen und speichern sollen.

Das klingt wichtig, nützlich, notwendig. Die EU gibt seit Jahren viel Geld aus, um Forscher zu unterstützen, die solche Sicherheitstechnik erfinden – und Unternehmen, die diese Erfindungen in Produkte verwandeln sollen. Allein in den vergangenen zehn Jahren gab sie drei Milliarden Euro dafür aus, Deutschland noch einmal weitere 500 Millionen Euro.

Doch wer genau bekommt das Geld? Und wie sinnvoll sind die Forschungsprojekte? Journalisten von ZEIT und ZEIT ONLINE sind zusammen mit Kollegen von De Correspondent, L’Espresso, Le Monde diplomatique und anderen europäischen Medien der Spur der Fördergelder gefolgt. Sie stießen auf ein dichtes und schwer durchschaubares Netz aus Lobbyisten, Politikern, Forschern und Industriellen. Entwirrt man es, erkennt man einen regelrechten Selbstbedienungsmarkt. Einige wenige Konzerne und Organisationen profitieren von dem gigantischen Förderprogramm des Staates, das ursprünglich dazu gedacht war, die Sicherheit Europas zu stärken. Sie bekommen Millionen für abgedrehte Ideen, um Drogenlabore zu finden oder Terroristen unschädlich zu machen. Nur werden viele Ideen nie zu einem Produkt. Millionen und Milliarden wurden dafür verschwendet, an Technologien zu forschen, die sich als überteuert oder unbrauchbar herausstellten.

Die Spur der Fördergelder führt zu Unternehmen in Frankreich, Italien, Schweden, Spanien. Denn zwar haben Tausende Unternehmen und Forschungsinstitute von den Fördergeldern profitiert, jedoch niemand so sehr wie die Fraunhofer-Gesellschaft, ein Verbund aus mehr als 80 deutschen Forschungsinstituten. Aus EU-Mitteln erhielt die Gesellschaft mehr als 68 Millionen Euro im vergangenen Jahrzehnt. Aus dem Sicherheitsförderprogramm der deutschen Bundesregierung kamen noch einmal weitere 50 Millionen Euro dazu.

Eines dieser Fraunhofer-Institute bekommt besonders viel Geld: das EMI, jenes Institut, in dem Klaus Thoma forscht. Knapp zehn Millionen Euro erhielt es von der EU, fast sieben Millionen Euro vom Bund.

Interesse für Militärforschung sinkt

Klaus Thoma ist seit zwei Jahren pensioniert, arbeitet aber weiter für die Fraunhofer-Gesellschaft, als Berater des Präsidenten. Kaum jemand in der Branche weiß so gut wie Thoma, wie man an solche Fördersummen herankommt – und wie man dafür sorgt, dass der Geldfluss nicht versiegt. Dass immer noch mehr Forschungsprojekte finanziert werden, noch mehr Sicherheitstechnik installiert, noch mehr Steuergeld ausgegeben wird.

Die längste Zeit seiner Karriere arbeitete Thoma in der militärischen Wehrforschung, arbeitete für die Rüstungsindustrie, lehrte an der Bundeswehr-Universität in München. Sein Institut in Freiburg war ursprünglich ebenfalls auf militärische Forschung spezialisiert.

Doch dann endete der Kalte Krieg – und damit das Wettrüsten zwischen Ost und West. Mit dem Eisernen Vorhang verschwand auch das Interesse der Politik an militärischer Forschung, wie Thoma und seine Kollegen sie betrieben. Die Fraunhofer-Gesellschaft bekam das sehr bald auch finanziell zu spüren. Zwischen 1991 und 2005 sanken die Fördermittel der Regierung von 1,6 Milliarden Euro auf 984 Millionen Euro. Neues Geld musste her. Die Aufgabe von Thoma war es, dieses Geld zu beschaffen.