Es war die Trennung von seiner Frau, die das Leben von Peter Henningsen total aus der Bahn warf. Und das nicht nur psychisch, sondern vor allem finanziell. Denn für den Hamburger Altenpfleger hieß das: Er musste aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen und zahlt wegen der "irren Mieten", wie er das nennt, nun für ein halb so großes Apartment knapp 700 Euro warm. Dazu kamen die Kaution, das Geld für neue Möbel, der Unterhalt für seinen kleinen Sohn und Unterhaltszahlungen an seine Ex-Frau. Daneben laufen auch noch die alten Ratenkredite für Fernseher, Waschmaschine und Auto weiter.

Bei seinem Gehalt von 1.750 Euro netto ist das für Henningsen (der in Wirklichkeit anders heißt), nicht zu schaffen. Er hat deshalb mittlerweile 15.000 Euro Schulden angehäuft, und er weiß nicht, wie er die jemals abbezahlen soll.

Der Hamburger Krankenpfleger ist nur einer von 6,7 Millionen Überschuldeten in Deutschland. Jeder Zehnte über 18 Jahre gilt als zahlungsunfähig – die Zahl wächst beständig.

Henningsen sei ein ganz typischer Fall, sagen Schuldenberater, weil er einer von denen ist, die im Grunde ohne viel eigenes Zutun in Not geraten sind. "Überschuldet sind viele Leute nicht, weil sie plötzlich angefangen haben, sinnlos Geld auszugeben", diese Feststellung ist Dirk Ulbricht wichtig. Er erstellt für das Institut für Finanzdienstleistungen (iff) jährlich den Überschuldungsreport und weiß aus den Statistiken, "dass es meist Scheidungen, Trennungen, Krankheiten oder der Verlust des Arbeitsplatzes sind", die Menschen in den Ruin treiben. "Es sind vielleicht 17 Prozent der Betroffenen, denen man vorwerfen könnte, sie hätten ihre Not durch mangelnde Bildung, schlechte Haushaltsführung oder Straffälligkeit selbst verursacht."

Hjördis Christiansen, Leiterin der Schuldnerberatung der Verbraucherzentrale Hamburg, kann das aus ihrer täglichen Arbeit bestätigen: "Die klassischen Gründe, weswegen Ratsuchende zu uns kommen, sind: plötzlicher Einkommensrückgang, jahrelange Arbeit im Niedriglohnsektor oder eine persönliche Katastrophe." Immer wieder hört sie selbst in der "reichen Stadt" Hamburg von Leuten, die so wenig verdienen, dass schon kleine Schwankungen im Einkommen zur Überschuldung führen. Weil sie mit dem, was sie jeden Monat zur Verfügung haben, selbst kurze Engpässe, wie den Ausfall der Waschmaschine, nicht auffangen können.

Arm trotz Arbeit

In etwa der Hälfte der Fälle liefert der Job den Auslöser: Die Betroffenen verlieren entweder ihre Arbeit ganz oder müssen die Arbeitszeit reduzieren – und damit auf Gehalt verzichten. Oder sie scheitern als Kleinselbstständige. Oder verdienen so wenig, "dass sie selbst mit ein oder zwei Jobs nicht einmal über die Pfändungsgrenze von 1.080 Euro kommen", sagt Christiansen. Sie sind arm trotz Arbeit – in diese Kategorie fielen 2016 immerhin gut zehn Prozent aller Überschuldeten. 

Und das obwohl Wirtschaft und Gesamtwohlstand ständig wachsen. Deshalb sagt iff-Schuldenexperte Dirk Ulbricht: "Wir haben es mit einem strukturellen Problem zu tun: Immer mehr Wenigverdiener geraten in harte Überschuldung, während die Gutverdiener mehr und mehr Geld anhäufen. Die Kluft öffnet sich."

Fast jeder Fünfte landet in Armut, weil ihn ein persönlicher Schicksalsschlag trifft: Trennung, Krankheit oder Tod des Partners. Das macht das Leben teurer oder schmälert das verfügbare Einkommen, weil plötzlich ein Verdienst wegfällt. Nicht einmal in neun Prozent aller Fälle dagegen liegt es am übersteigerten Konsumverhalten, wenn jemand in die Überschuldung rutscht, weil er zu viele Dinge auf Pump gekauft hat oder leichtfertig Ratenkredite abgeschlossen hat. "Die meisten machen Schulden in Zeiten, in denen sie sich das leisten können. Aber später reicht es eben nicht mehr", sagt Christiansen.