Es ist Frühling und das heißt: Es riskieren wieder mehr Menschen die gefährliche und oft tödliche Fahrt über das Mittelmeer, das nun wieder ruhiger daliegt als im Winter – mehr Menschen sogar als im Vorjahr. Bis Ende März erreichten fast doppelt so viele Migranten die Grenzen Südeuropas wie im ersten Quartal 2016. Das liegt auch daran, dass andere Fluchtwege mittlerweile verschlossen sind. Doch die neuerlichen Bilder von überfüllten Booten veranlassen Politiker und Medien dazu, mit bedrohlichen Prognosen Alarm zu schlagen.

Krieg, Terror, ökologische Krisen und Armut trieben die Menschen aus Ländern südlich der Sahara in Richtung Norden, warnte zum Beispiel gerade der Präsident des Europäischen Parlaments in einem Interview mit der Zeitung Die Welt. Bis zu 30 Millionen Afrikaner könnten schon innerhalb der nächsten zehn Jahre in die EU kommen, sagte Antonio Tajani von der konservativen Forza Italia.

Solche konkreten Daten vermitteln den Anschein einer genauen Hochrechnung und schüren Ängste vor unbewältigbaren Fluchtbewegungen. Dabei sagten sie die Zukunft nur "etwa so präzise voraus wie Bauernregeln", sagt der Migrationsexperte Benjamin Schraven vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik. Viel zu viele Unwägbarkeiten und fragwürdige Annahmen lägen den Zahlen zugrunde. Wie ungewiss etwa Aussagen über Umweltmigration sind, zeigt ein Atlas zu diesem Thema, der in wenigen Tagen erscheint. Die Schätzungen über ihr künftiges Ausmaß liegen um ein Mehrfaches auseinander.

Das Bild von der Völkerwanderung in Richtung Europa verzerrt auch die Gegenwart, kritisiert Jochen Oltmer, Migrationsforscher von der Universität Osnabrück. Denn die allermeisten Flüchtlinge und Migranten wandern gar nicht übers Meer nach Norden und Westen. Vielmehr bewegen sie sich innerhalb des eigenen Kontinents. Für diesen Teil der Wirklichkeit fehle Europa in seiner "realitätsverweigernden" Konzentration auf die Abwehr neuer Ankömmlinge allerdings die politische Aufmerksamkeit.

Die meisten Flüchtlinge leben bei den Armen

Wie groß ist die Migrationsbewegung wirklich? Es gibt nur wenig verlässliche Daten, wenn man alle Motive eines langfristigen oder auch nur saisonalen Aufbruchs einbeziehen will, von den Folgen des Klimawandels über die Flucht vor Krieg und Katastrophen bis zur Hoffnung auf Bildung und Jobs. In vielen afrikanischen Ländern fehlt den Statistikbüros die notwendige Ausstattung, um alle Wanderungen zu erfassen.

Relativ genau ist nur die Zahl jener Verzweifelten bekannt, die gezwungen sind, politischer Verfolgung, Konflikten und anderen Zwangslagen in ihrer Heimat zu entkommen. Laut dem jüngsten Bericht des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen waren das im Jahr 2015 weltweit 65 Millionen Menschen, darunter etwa 16 Millionen in Afrika. Deutlich mehr als die Hälfte dieser Vertriebenen retteten sich in andere Regionen ihres Herkunftslandes, schon weil ihnen das Geld fehlte, auszureisen. Wenn die übrigen ihre nationale Grenze überschreiten, dann suchen sie fast immer Zuflucht im nächstgelegenen Nachbarstaat. Aus dem Nordosten Nigerias etwa brachten sich in den letzten Jahren 2,2 Millionen Menschen aus Furcht vor den Islamisten von Boko Haram in anderen Landesteilen in Sicherheit. 180.000 haben das Land verlassen, zum allergrößten Teil nach Kamerun und Tschad.

Das heißt: Die meisten gewaltsam Vertriebenen Afrikas leben bei den Armen. Dschibuti zum Beispiel hat nur eine Million Einwohner und steht auf dem Index für menschliche Entwicklung von 182 Ländern auf Platz 172. Der winzige Staat am Horn von Afrika ist Durchgangsstation und Aufenthaltsort für rund 22.000 Flüchtlinge aus Somalia, Äthiopien und Eritrea und nimmt seit dem vergangenen Jahr zusätzlich Hunderte von Familien aus dem Jemen auf. Wenn man die Zahl der Migranten pro Einwohner rechnet, liegt Dschibuti weit über den großzügigsten europäischen Aufnahmeländern Deutschland oder Schweden.

Uganda steht auf dem UN-Entwicklungsindex kaum besser da, doch es beherbergt bei 40 Millionen Einwohnern rund 1,5 Millionen Flüchtlinge. Sie kommen aus Kongo oder (allein 700.000) aus Südsudan, wo sich Dinka und Nuer seit vergangenem Jahr wieder verschärft brutale Machtkämpfe liefern. Auch Äthiopien und Kenia haben Hunderttausende südsudanesische Vertriebene aufgenommen. Ebenso das ärmste Land der Welt, die Zentralafrikanische Republik.