Die Armutsgefährdung ist in Deutschland sehr viel ungleicher über unterschiedliche Haushaltstypen verteilt als in anderen europäischen Ländern. Die Armutsgefährdung für Ehepartner mit Kindern ist im europäischen Vergleich deutlich geringer und seit 2005 auch weniger stark gestiegen.

Die wohl schockierendste Entwicklung ist die Verdoppelung der Armutsgefährdung von alleinerziehenden Eltern seit 2005 auf fast 25 Prozent heute. In anderen Worten, fast jede vierte alleinerziehende Mutter (oder alleinerziehender Vater) in Deutschland ist heute von Armut bedroht.

Nun kann man zu Recht anmerken, dass gerade der starke Anstieg der Erwerbsquote von Frauen (wie auch die starke Migration und die höhere Erwerbsquote älterer Menschen) den Beschäftigungsboom seit 2005 ausgelöst hat, und es daher zu erwarten war, dass ein höherer Anteil dieser Frauen armutsgefährdet ist. Dies erklärt jedoch nur einen begrenzten Teil dieser Entwicklung, denn zum einen sind im vergangenen Jahrzehnt viele hochqualifizierte Frauen in den deutschen Arbeitsmarkt gekommen, zum anderen liegt die Armutsgefährdung in Ländern wie Frankreich, die eine ähnlich hohe Frauenerwerbsquote haben, zum Teil deutlich unter der in Deutschland.

Armutsgefährdung von Beschäftigten nach Alter und Geschlecht

2005 - 2015, in Prozent der Beschäftigten der jeweiligen Gruppe

Quelle: EU-SILC, Stand: 13.03.2017

Einige mögen auch zu Recht darauf verweisen, dass der Anstieg der Armutsquote in Deutschland zum Teil durch den Anstieg der mittleren Einkommen erklärt wird, und dass viele derer, die heute armutsgefährdet sind, heute sogar höhere Einkommen haben als noch vor zehn Jahren.

Auch dieser Punkt führt aber letztlich wieder zu der Frage, welchen Anspruch wir als Gesellschaft an unser Zusammenleben richten. Ist unser Anspruch lediglich, Menschen in Arbeit zu bringen und ihnen ein Minimum an sozialer Sicherung, wie Sozialhilfe, Unterkunft und eine Krankenversicherung zu bieten? Wollen wir den Bürgerinnen und Bürgern nicht vielmehr eine "gute" Arbeit ermöglichen, die ein auskömmliches Einkommen bietet, Chancen eröffnet und den Menschen Freiheiten zur persönlichen und beruflichen Entwicklung gibt?

Arbeit alleine reicht nicht

Diese Fragen haben eine normative Dimension – wie unsere Gesellschaft "Gerechtigkeit" und "gute Arbeit" definiert – aber auch eine positive Dimension – also wie Ungleichheit, und in diesem Fall Armutsgefährdung, sich auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und den Wohlstand auswirken. Was diese positive Dimension angeht, ist klar: Menschen, die armutsgefährdet sind, haben eine geringere soziale und politische Teilhabe, was das Funktionieren unserer Demokratie gefährdet und den Wohlstand aller, nicht nur der direkt Betroffenen, schadet.

Die zunehmende Armutsgefährdung führt zu einer stärkeren Abhängigkeit vom Sozialstaat. Dies reduziert die Möglichkeiten der Betroffenen, in ihre eigene Bildung und die ihrer Kinder zu investieren und ihre Fähigkeiten in Gesellschaft und Wirtschaft einzubringen. Es schädigt aber auch die Leistungsfähigkeit des Sozialstaates, der für immer mehr Menschen Leistungen erbringen muss und dies dadurch immer weniger gut und weniger zielgenau tun kann.

Kurzum, der Anstieg der Armutsgefährdung von Menschen in Arbeit sollte ein Weckruf für die Politik und ein zentrales Thema im politischen Diskurs sein. Dazu gehören drei große Fragen. Zum Ersten, wie vor allem die Schwächsten qualifiziert werden sollen, um ihnen am Arbeitsmarkt bessere Chancen zu eröffnen. Viele wissenschaftliche Studien zeigen, dass eine gute und gezielte Qualifizierung die entscheidende Frage für den Abbau von Arbeitslosigkeit und Amtsgefährdung ist. Qualifizierung und Bildung sind essenziell für unsere Gesellschaft und den Erfolg der Wirtschaft. Zum Zweiten, wie die Verhandlungsmacht im Arbeitsmarkt gestaltet werden kann, sodass Menschen auch mit relativ geringen Qualifikationen ihre Interessen vertreten können.

Zum Dritten benötigen wir einen noch stärkeren Diskurs über die Familienpolitik in Deutschland. Die Tatsache, dass Frauen und Alleinerziehende im Arbeitsmarkt so viel schlechter dastehen und so viel häufiger von Armut gefährdet sind, ist kein Zufall. Es ist ein Spiegelbild der Familien-, Bildungs- und Sozialpolitik, die noch immer sehr stark auf das traditionelle Familienbild eines Ehepaares mit Kindern ausgerichtet ist und somit immer weniger Menschen in Deutschland ausreichend erreicht.